Am 3. Juni 2026 will der Stadtrat Krefeld die Kommunale Wärmeplanung für Krefeld beschließen. Der Entwurf liegt vor (https://www.krefeld.de/waermeplanung ). Der NABU hat sich die Wärmepläne von zehn anderen NRW-Kommunen angesehen und Vergleiche angestellt. Der Krefelder Wärmeplan schnitt dabei sehr gut ab – insbesondere was seine Realitätsbezogenheit angeht. Es gibt einzelne kleinere Bereiche, die im weiteren Verlauf mehr Aufmerksamkeit erhalten sollten. Insgesamt aber ist aus Sicht des NABU ein Beschluss im Rat in jedem Fall zu empfehlen (auch um die gesetzlichen Vorschriften – Beschluss bis 30.6.2026 - einzuhalten).
Wem die folgende Auflistung zu langatmig ist, der kann gerne zum zweiten (Typologie) oder dritten Kapitel (Einzelpunkte) springen – oder gleich das (positive) Fazit für Krefeld im vierten Kapitel lesen.
1. Zehn NRW-Vergleichskommunen und ihre jeweiligen Planungsprofile
Obwohl alle Kommunen denselben gesetzlichen Rahmenbedingungen unterliegen, zeigen sich bereits heute deutlich unterschiedliche Planungsphilosophien, Umsetzungsstrategien und Schwerpunktsetzungen. Der Wärmeplan der Stadt Krefeld lässt sich dabei besonders gut einordnen, wenn er mit anderen großen und mittleren NRW-Kommunen (in alphabetischer Reihenfolge) verglichen wird.
Aachen (ca. 262.000 Einwohner) gehört innerhalb NRWs zu den methodisch anspruchsvolleren Wärmeplanungen (https://www.aachen.de/in-aachen-leben/klima-umwelt/klimaschutz/waermewende/waermeplanung/faq/kommunaler-waermeplan-stadt-aachen-042025.pdf?cid=rha ). Sie wurde am 9.7.2025 beschlossen. Die Stadt verfügt über eine enge wissenschaftliche Anbindung, insbesondere über die RWTH Aachen und zahlreiche energiewirtschaftliche Forschungsinstitutionen (so wie Krefeld zum Glück die HN hat!). Durch diverse Detailerklärungen und Einschübe ist der Wärmeplanbericht aber sehr umfangreich und überkomplex, schwer zu lesen und z.T. nicht sauber priorisiert. Zu wichtigen Punkten wie Verstetigung des Prozesses oder Controlling findet man wenig. Positiv ist die detaillierte Bearbeitung mehrere Fokusgebiete. Insgesamt ist es aber ein sehr „wissenschaftlicher“ Plan mit geringerer „Bodenhaftung“. Immerhin wird benannt, dass das Fernwärmeausbauziel von heute 14% auf 40% in 2045 „sehr ambitioniert“ ist.
Bielefeld (ca. 344.000 Einwohner) repräsentiert dagegen einen stärker quartiers- und raumbezogenen Ansatz (https://www.bielefeld.de/waermeplanung - im Juni 2025 beschlossen). Die Stadtstruktur ist dezentraler als in vielen rheinischen Großstädten, wodurch die Wärmeplanung stärker differenzierend arbeiten muss. Dennoch ist der Bericht deutlich stringenter geschrieben als z.B. Aachen und anfangs gut zu lesen. Im Bereich Zielbestimmung und Maßnahmenplanung ist aber der Überblick schon schwerer zu halten. Überraschenderweise hat Bielefeld trotz seiner geringeren Kompaktheit ein doppelt so großes Fernwärmenetz wie Krefeld. Dieses soll noch beträchtlich ausgebaut werden und schließlich über 50% des Wärmebedarfes decken – sogar ein Anschlusszwang wird diskutiert. Positiv: Die Vorteile der Wärmewende für die regionale Wertschöpfung werden mehrfach explizit thematisiert.
Duisburg (ca. 506.000 Einwohner) stellt einen Sonderfall industrieller Wärmewende dar. Die Stadt verbindet ausgedehnte Fernwärmesysteme (bestehendes 500 km-Netz) mit erheblichem Industrie- und Abwärmepotenzial. 21 bestehende Fernwärmegebiete, 20 Eignungsgebiete und 21 Prüfgebiete werden einzeln diskutiert. Soziale Aspekte werden dabei vereinzelt zumindest am Rande erwähnt. Fernwärme soll 2045 71% des Endenergiebedarfes decken (Rekord der betrachteten Städte). Ein Ausbau von 70.000 versorgten Haushalten auf 85.000 scheint dennoch realistisch. Wie bei vielen Kommunen am Rhein soll dabei auch eine Flusswärmepumpe eingesetzt werden. Dezentrale Nahwärmelösungen sollen zusätzlich unterstützt, Contracting-Modelle entwickelt werden. Der Wärmeplan wurde am 4.5.2026 beschlossen (https://du-heizt.de/du-heizt/ ).
Düsseldorf (ca. 659.000 Einwohner) verfügt über eine stark administrationsorientierte Wärmeplanung (https://beteiligung.nrw.de/portal/duesseldorf/beteiligung/themen/1020701 - Beschluss vermutlich 18.6.2026). Die Landeshauptstadt integriert unterschiedliche Versorgungsräume und großstädtische Fernwärmestrukturen, die maßvoll ausgebaut werden. Ausführlicher beschrieben ist die geplante institutionelle Verstetigung des Prozesses, die Öffentlichkeitsbeteiligung und das Controlling – obwohl der reale Gehalt inhaltlich nur teilweise (Klimamobil) über die kürzer gefassten Inhalte in anderen Wärmeplänen hinausgeht. Die Wärmeplanung erscheint dadurch nicht nur als Infrastrukturstrategie, sondern als langfristige Transformationsplanung.
Essen (ca. 597.000 Einwohner) arbeitet stark regional- und strukturwandelorientiert. Die Stadt muss industrielle Vergangenheit, große und heterogene Bestandsquartiere und komplexe Wärmenetzstrukturen zusammenführen. Es wurde viel mit Szenarien gearbeitet und schließlich ein Strom-Szenario mit mittelstarkem Fernwärmeausbau favorisiert. Aktuell misst das Fernwärmenetz 476 km. Nach intensivem Aus- und Neubau sollen 2045 55% der Wärme über Netze bedient werden. Der Wärmeplan wirkt systemisch und industriebezogen, zugleich aber auch durch hohe Akteurs- und Strukturkomplexität geprägt (https://www.essen.de/leben/umwelt/klima/klimaschutz/kommunale_waermeplanung.de.html- am 25.3.2026 beschlossen). Als Besonderheit ist Essen aufgrund ihres hohen industriellen Bedarfes die einzige Stadt unter den betrachteten, die – nach anfänglicher Ablehnung - Wasserstoffszenarien auch im Wohnungsbereich nicht kategorisch ausgeschlossen hat und in zwei bis drei industrielastigen Teilbereichen (Karnap, Hafen, ggf. Westviertel) tatsächlich auch weiterverfolgt und das Verteilnetz 2037 dort teilweise auf Wasserstoff umstellen will. Nützlich: Im Bereich Öffentlichkeitsbeteiligung versteckt findet sich eine „Gebrauchsanweisung“ für die Bürger: Was zu tun ist, wenn das Haus in blauen, roten, orangenen etc. Planbereichen liegt.
Köln (ca. 1,1 Millionen Einwohner) bildet den großstädtischen Typus ab (https://ratsinformation.stadt-koeln.de/vo0050.asp?__kvonr=130374 – der Plan soll noch im Juni 2026 beschlossen werden). Die Wärmeplanung ist komplex und arbeitet mit verschiedensten Versorgungstypen. Ein Ausbau des Fernwärmenetzes von 380 km auf 580 km ist ambitioniert aber könnte machbar sein. Der Wille zu Investitions- und Infrastrukturentscheidungen wird schon heute deutlich (z.B. Fluss-Großewärmepumpe). Köln versteht Wärmeplanung auch als gesellschaftlichen und politischen Transformationsprozess. Es fand eine wiederholte Einbindung von Stakeholdern im gesamten Verlauf statt. Auch Köln unterstützt die Öffentlichkeitsarbeit mit einem Klimamobil.
Münster (ca. 321.000 Einwohner) hat wie Aachen auch vermehrt wissenschaftlichen Input, plant aber ansonsten weitgehend entlang der üblichen Linien (https://www.stadt-muenster.de/klima/kommunale-waermeplanung - beschlossen am 20.5.2026). Der Fernwärmeausbau wird recht differenziert diskutiert. Er wird begrenzt durch einen angenommenen jährlichen (Maximal-)Ausbau in Kilometern (bis 2029 2,6 km, dann 3,5 km) mit 30% Anschlussquote zu Beginn, die im Verlauf auf 70% steigt. Die gesamte Trassenlänge steigt dadurch um moderate 30% von 180 km auf 240 km. (Zusätzlich hat die Uni ein Fernwärmesystem, welches aber streckenmäßig unverändert bleibt). Auch knappe „grüne Wärme“ begrenze. Münster erwägt Tiefengeothermie (bis 2045 die Hälfte des Bedarfes), mehrere Großwärmepunpen und Freiflächensolarthermie. Anschlusszwang wird angesprochen (allenfalls punktuelle Umsetzung). Sieben separate Nahwärmegebiete werden durchgerechnet. Verschiedenste Wärmequellen werden erwogen (Biogas, Oberflächengeothermie u.a.). Mehrfach kann die Wirtschaftlichkeit gegenüber Einzellösungen nur bei Förderung erreicht werden. Insgesamt steigert sich der Anteil von Netzen am Wärmemarkt von 20% auf 28%. Als einziger (!!!) enthält der Wärmeplan Münster ein Kapitel „Soziale Wärmewende: Herausforderungen, Bedarfe und Lösungsansätze“, das die sozialen Aspekte recht umfassend und beispielhaft erörtert und Maßnahmen vorschlägt. Es gibt sogar einen „Sozial-Klimarat“ und eine „Persona-Analyse“ (Einkommens- und Wohntypen) wurde durchgeführt.
Neuss (ca. 161.000 Einwohner) ist von den untersuchten Städten Krefeld am ähnlichsten – sowohl von der Stadtstruktur als auch vom Typus der Wärmepläne (https://www.neuss.de/infos/umwelt-und-klima/waermeplanung - 4.7.2025 beschlossen). Beide Pläne sind stark stadtwerkeorientiert, netzbezogen und pragmatisch. Insgesamt ist der Neusser Wärmeplan wenig spektakulär und eher knapp gehalten. Er deckt aber praktisch alles ab (bis hin zu Verstetigung und Controlling) und ist sehr stringent formuliert und damit sehr gut lesbar. Für jedes von 91 Teilgebieten werden Eignungswerte (nach Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten) für die möglichen Versorgungsarten berechnet. Schließlich wird ein Ausbau der Fernwärme auf 56% des Endenergiebedarfes angedacht. Bisher hat Neuss aber nur zwei „klitzekleine“ Wärmenetze (15 km und 2,4 km Länge. Großwärmepumpen an Rhein und Kläranlagenabfluss sollen die Energie erzeugen. Es braucht aber Leitungen! Wie dieser extreme Ausbau auf minimaler Ausgangsbasis bewältigt werden soll, wird nicht erklärt – ein großes Manko des Planes. Andererseits wird eine sehr moderate Sanierungsrate ansteigend von 0,9% auf 1,4% (Durchschnitt 1,1%) angenommen. Es wird eine Variante für einen Abschluss der Wärmeplanumsetzung schon bis 2035 durchgerechnet, aber wegen langwieriger Planungsprozesse, hohen Investitionsbedarfes und Fachkräftemangels für unrealistisch erachtet. Wie in Krefeld sollen drei exemplarische Fokusgebiete primär konkretisiert werden, um Erfahrungen für die übrigen Gebiete zu sammeln.
Solingen (ca. 166.000 Einwohner) ist topographisch deutlich schwieriger erschließbar als Krefeld. Die Wärmeplanung (https://solingen.de/inhalt/kommunaler-waermeplan-solingen-endbericht - wurde schon am 10.4.2025 verabschiedet) muss deshalb stärker dezentral, technologieplural und quartiersbezogen arbeiten. Die Grenzen zentraler Wärmenetze spielen hier eine größere Rolle als in vielen flacheren Städten NRWs. Der Wärmeplan ist relativ stringent geschrieben und gut lesbar – obwohl viel ausführlicher als Neuss und weitenteils auch gründlicher. Verstetigung, Finanzierung, Controlling und Kommunikation werden behandelt – soziale Aspekte aber nirgendwo erwähnt. Es gibt ein kleines zentrales Netz am Müll-Heizkraftwerk mit 20 MW Wärmeauskoppelung sowie mehrere lokale Netze mit maximal 1,2 MW Leistung, die zusammen 5,4 % zum Wärmebedarf beitragen. Eine Steigerung der Trassenlänge des Wärmenetz Mitte um mehr als das Dreifache auf 32 km wird überlegt. Hier wird – im Gegensatz zu Neuss - auch sauber gerechnet. Der hohe Investitionsbedarf wäre nur mit Fördermitteln wirtschaftlich - die „grüne“ Energie wäre verfügbar. Ähnliches gilt für die kleineren Fernwärmegebiete. Vier zusätzliche „Fokusgebiete“ (mit hoher Wärmeliniendichte) werden in ENERKO-Manier gründlich durchgerechnet. Netze würden sich bei drei Gebieten ebenfalls nur (z.T. knapp) mit Fördermitteln tragen, bei einem gar nicht. Eine Beobachtung am Rande: Man hat sich um die Erfassung auch von Energiebeiträgen aus privaten PV- und Solarthermieanlagen Gedanken gemacht, was die wenigsten Pläne gemacht haben: Wird hier dezentrale Energiewirklichkeit ernster genommen?
Wuppertal (ca. 365.000 Einwohner) (https://www.wuppertal.de/microsite/klimaschutz/effiziente-nachhaltige-klimagerechte-gebaeude/weitere-inhalte-effiziente-nachhaltige-klimagerechte-gebaude/kommunale-waermeplanung/15aktueller-stand-der-wuppertaler-waermeplanung.php - beschlossen am 12.5.2026) repräsentiert einen räumlich hochfragmentierten Wärmeplanungstyp. Die extreme Topographie zwingt zu einer differenzierten Betrachtung unterschiedlicher Stadt- und Versorgungstypen. Bestands- und Potenzialanalyse sind knapp gehalten. In Wuppertal existieren zwei Wärmenetze – ein Dampfnetz von 68,7 km Länge, das der Modernisierung bedarf, sowie das Heizwassernetz-Süd von 52,7 km Länge. Ferner kleinere Nahwärmenetze. Es gibt teilweise einen Anschlusszwang, der aber nicht ausgeweitet werden soll. Zwölf mögliche Verdichtungs- und Erweiterungsgebiete wurden nach wenigen Kriterien ermittelt und in eine zeitliche Umsetzungsreihenfolge bis 2045 gebracht. Verfügbare Wärme wurde (grob) geprüft. Der Transformationsplan soll die Wirtschaftlichkeit prüfen. Ob die Steigerung der Wärmelieferung von 15% auf 32,8% dann wirklich erreicht werden kann, wird man sehen. Der Maßnahmenteil des Wärmeplanes ist zumindest recht ausführlich und umfassend.
Krefeld (ca. 236.000 Einwohner): Zum Inhalt des Krefelder Wärmeplanes habe ich in Blog 54 eine grobe Darstellung vorausgeschickt. Eine aktuelle Zusammenfassung werde ich später nachreichen; es könnte sich ja in der Beschlussfassung am 3. Juni 2026 noch etwas ändern. Allgemeine Aspekte der Wärmeplanung sowie bestimmte Details wurden in Blogs 8,30, 47 und 53 behandelt. Andere Städte (Heidelberg, München und weitere) wurden bereits in Blog 39, 39 und 48 betrachtet. Zu den Vorteilen von Fernwärme wurde in Blog 25 berichtet, zu den „Gefahren“ durch den Gaspreis in Blog 29.
2. Vergleichbare und gegensätzliche Planungstypen
Der gesetzlich vorgeschriebene Inhalt hat zur Folge: Wärmepläne gleichen sich! Noch stärker wird der Effekt, wenn gleiche Fachfirmen beschäftigt werden. So sind die Handschriften von Greenventory (Bielefeld, Duisburg, Wuppertal) oder ENERKO/Gertec (Aachen, Münster, Solingen) rasch zu erkennen: Grafiken und ganze Passagen sind identisch; und überall wo ENERKO beschäftigt war, gibt es fachlich sehr fundierte Analysen zur Wirtschaftlichkeit von Fern- und Nahwärmeinseln in mehreren untersuchten Quartieren.
Trotz dieser angleichenden Tendenzen lassen sich innerhalb der betrachteten NRW-Kommunen deutlich unterschiedliche Wärmeplanungstypen erkennen. Besonders auffällig ist zunächst der Gegensatz zwischen infrastrukturell-bündelnden und räumlich-differenzierenden Ansätzen. Städte wie Krefeld oder Neuss denken Wärmewende stark aus Perspektive von Netzen und operativer Umsetzbarkeit. Die Wärmeplanung erscheint dort vor allem als Infrastrukturaufgabe. Charakteristisch sind eine starke Rolle der Stadtwerke sowie eine relativ unmittelbare Orientierung an praktischer Umsetzbarkeit. Beide Pläne wirken administrativ kohärent und vergleichsweise gut steuerbar. Dem gegenüber stehen Städte wie Solingen oder Wuppertal, die deutlich stärker von räumlicher Heterogenität ausgehen. Dort wird die Wärmewende weniger als einheitliche Netztransformation verstanden, sondern stärker als differenzierte Suche nach jeweils passenden Lösungen für unterschiedliche Stadträume. Topografie, kleinteilige Bebauung und schwierige Erschließbarkeit führen dazu, dass dezentrale Systeme, Nahwärme und technologisch breitere Ansätze wesentlich stärker berücksichtigt werden.
Eine dritte Gruppe bilden die großstädtischen und metropolitanen Wärmepläne von Köln und Düsseldorf. Hier dominiert die langfristige Transformation großer urbaner Energiesysteme. Die Pläne arbeiten stärker mit räumlicher Differenzierung unterschiedlicher Versorgungstypen, großmaßstäblichen Fernwärmeperspektiven und langfristigen Infrastrukturpfaden. Gleichzeitig zeigt sich hier besonders deutlich die hohe Komplexität solcher Systeme. Die Wärmeplanung ist weniger unmittelbare Umsetzungssteuerung als vielmehr langfristige Koordination unterschiedlicher Investitions- und Infrastrukturentscheidungen. Gerade Köln verdeutlicht aber auch, dass hohe analytische Komplexität nicht automatisch höhere operative Plausibilität bedeutet. Viele großstädtische Wärmepläne formulieren sehr ambitionierte Fernwärmeziele, ohne dass der tatsächliche physische Netzausbau immer in gleicher Tiefe plausibilisiert würde.
Interessant sind auch die industriell geprägten Transformationsräume wie Duisburg und Essen. Dort prägen Industrie, Abwärme, große Bestandsquartiere und Strukturwandel die Wärmeplanung wesentlich stärker als in vielen anderen Städten. Allerdings zeigte sich bei näherer Betrachtung auch, dass die häufig verwendeten Begriffe wie „Transformation“ oder „Governance“ vorsichtig verwendet werden müssen. Zwar besitzen diese Städte objektiv hohe soziale und institutionelle Komplexität, die eigentlichen Wärmepläne behandeln soziale Fragen jedoch meist nur indirekt. Die komplexe soziale Struktur der Stadt ist also nicht automatisch einhergehend mit einer sozial orientierten Wärmeplanung.
Gerade hier ragt Münster tatsächlich heraus. Während viele Kommunen soziale Aspekte allenfalls implizit behandeln, enthält der Münsteraner Wärmeplan ein eigenes Kapitel zur „Sozialen Wärmewende“. Damit wird die gesellschaftliche Dimension der Wärmewende ausdrücklich als eigenständiger Bestandteil kommunaler Wärmeplanung sichtbar gemacht. Dies bedeutet noch keine umfassende sozialpolitische Steuerung der Wärmewende, zeigt aber zumindest ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass technische Eignung und gesellschaftliche Umsetzbarkeit nicht identisch sind (siehe auch nächstes Kapitel).
Eine Sonderrolle nimmt schließlich Aachen ein. Der Plan besitzt eine außergewöhnlich hohe analytische und wissenschaftliche Tiefe. Datengrundlagen, Szenarien und Potenzialanalysen sind erheblich elaborierter als in vielen anderen Kommunen. Gleichzeitig wurde im Vergleich deutlich, dass analytische Komplexität nicht automatisch mit administrativer Stringenz oder operativer Verstetigung gleichzusetzen ist. Gerade bei Monitoring, Controlling und Fortschreibungslogik bleiben in Aachen Fragen offen. Neuss oder Krefeld wirken hier teilweise unmittelbarer und organisatorisch kohärenter.
Übergreifend zeigt der Vergleich noch eine weitere wichtige Erkenntnis: Viele Wärmepläne konzentrieren sich wesentlich stärker auf die Dekarbonisierung der Wärmeerzeugung als auf die physische Transformation der Verteilinfrastruktur. Die Erzeugung grüner Wärme durch Großwärmepumpen, Geothermie oder Abwärme wird häufig detailliert beschrieben. Deutlich schwächer ausgearbeitet sind dagegen oftmals Fragen des tatsächlichen Leitungsbaus, der Tiefbaukapazitäten, der Netzexpansion und der realen Anschlussdichten. Gerade der Neusser Wärmeplan zeigt exemplarisch, dass ein administrativ sehr überzeugender Plan dennoch erhebliche Plausibilitätsfragen bei der tatsächlichen Netztransformation aufwerfen kann.
Insgesamt zeigt sich damit eine erste Generation kommunaler Wärmeplanung in NRW, die überwiegend stark technik-, netz- und infrastrukturlastig geprägt ist. Unterschiede bestehen weniger in den grundsätzlichen Zielen als vielmehr in der Art, wie Städte zwischen infrastruktureller Bündelung, räumlicher Differenzierung, operativer Steuerbarkeit, Bedürfnissen der Gesellschaft und langfristiger Transformation vermitteln.
3. Betrachtung von relevanten Einzelaspekten
Trotz aller Unterschiede zwischen den betrachteten Wärmeplänen zeigen sich bei vielen Detailfragen bemerkenswerte Gemeinsamkeiten. Andererseits treten bei einzelnen Aspekten erhebliche Unterschiede in Tiefe, Plausibilität und strategischer Ausrichtung zutage.
Auffällig ist zunächst die zentrale Rolle der kommunalen Stadtwerke. Praktisch alle betrachteten Wärmepläne wurden entweder unmittelbar gemeinsam mit den jeweiligen Stadtwerken oder zumindest in enger Abstimmung mit ihnen erarbeitet. Die Wärmeplanung erscheint dadurch häufig weniger als klassischer kommunaler Gesamtplan denn als infrastrukturell-strategische Weiterentwicklung bestehender Energieversorgungssysteme. Dies erhöht einerseits die operative Anschlussfähigkeit, kann andererseits aber auch dazu führen, dass bestimmte netzökonomische Grundannahmen kaum grundsätzlich hinterfragt werden.
Bemerkenswert ähnlich sind zudem die technischen Datengrundlagen vieler Planungen. Zahlreiche Städte arbeiten inzwischen mit digitalen Zwillingen oder zumindest mit hochgradig GIS-gestützten Gebäudedatenmodellen. Besonders explizit erscheint dies etwa in Aachen, Wuppertal, Köln oder Duisburg. Andere Kommunen planen entsprechende Systeme zumindest perspektivisch oder greifen auf vergleichbare Datengrundlagen zurück. Insgesamt fällt auf, dass sich die technischen Methoden kommunaler Wärmeplanung in NRW bereits stark angleichen. Unterschiede bestehen heute weniger in der Datentiefe als vielmehr in der planerischen Interpretation dieser Daten.
Wasserstoff: Die meisten betrachteten Wärmepläne setzen langfristig primär auf Elektrifizierung, Wärmenetze und Großwärmepumpen. Gleichwohl weisen einzelne Kommunen wie Essen oder Krefeld Wasserstoff-Prüfgebiete aus. Dabei handelt es sich jedoch scheinbar weniger um konkrete Ausbauentscheidungen als um bewusst offen gehaltene Unsicherheits- und Prüfoptionen. Ein flächenhafter Einsatz von Wasserstoff im privaten Gebäudebereich spielt dagegen in keinem der betrachteten Wärmepläne eine zentrale Rolle. Seine Rolle sehen aber viele in Industrie und Spitzenwärmebereitstellung (zu Wasserstoff siehe auch mehrere frühere Blogs).
Noch stärker eint die betrachteten Kommunen der angestrebte Ausbau von Fern- und Nahwärmenetzen. Nahezu alle Wärmepläne messen Wärmenetzen eine zentrale Rolle bei der Dekarbonisierung zu (siehe auch Blog 25). Allerdings unterscheiden sich die Pläne erheblich in der Plausibilität und Tiefe ihrer Ausbaupfade. Während Städte wie Krefeld oder Bielefeld vergleichsweise konkrete Ausbaukorridore oder Netzlängen diskutieren, bleiben andere Szenarien deutlich abstrakter. Besonders deutlich wurde dies am Beispiel von Neuss, wo ein sehr hoher zukünftiger Fernwärmeanteil formuliert wird, ohne dass der physische Ausbau der Leitungsinfrastruktur in gleicher Tiefe plausibilisiert würde. Überhaupt zeigt sich bei vielen Wärmeplänen ein bemerkenswertes Missverhältnis zwischen detailliert ausgearbeiteten Erzeugungsszenarien und vergleichsweise schwach konkretisierten Tiefbau- und Netzexpansionsfragen.
Eine zentrale Rolle spielen in fast allen größeren Städten Großwärmepumpen (siehe auch Blog 16). Insbesondere rheinische Kommunen wie Köln, Düsseldorf, Duisburg oder Krefeld setzen stark auf Rheinwasser, Abwasser oder industrielle Niedertemperaturquellen. Thermische Abfallverwertung spielt in zahlreichen Wärmeplänen eine wichtige Rolle. Besonders zentral erscheint sie jedoch in Städten wie Krefeld oder Solingen, wo bestehende Müllheizkraftwerke einen wesentlichen infrastrukturellen Anker der zukünftigen Fernwärmeversorgung bilden. In größeren Städten wie Köln, Düsseldorf oder Duisburg ist die Müllverbrennung dagegen stärker Teil eines breiter diversifizierten Erzeugungssystems.
Schwach ausgeprägt ist die Diskussion zukünftiger Endkundenpreise. Obwohl die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Wärmewende letztlich entscheidend von den realen Kosten für Haushalte abhängen wird, behandeln die meisten Wärmepläne Preisentwicklungen nur sehr zurückhaltend. Am ehesten thematisiert dies noch Münster im Zusammenhang mit der „Sozialen Wärmewende“. Insgesamt bleibt die Kostenfrage jedoch erstaunlich unterbelichtet. Viele Wärmepläne argumentieren stark aus Perspektive der Systemtransformation, weniger aus Sicht zukünftiger Verbraucherbelastungen.
Ähnlich zurückhaltend behandeln die meisten Kommunen den möglichen Anschluss- und Benutzungszwang an Wärmenetze. Obwohl dieser langfristig eine erhebliche praktische Bedeutung erlangen könnte, wenn „Abwanderungen“ in andere Heizsysteme und wirksame Sanierung (oder das aktuell diskutierte GMG!) den Fernwärmeabsatz unterminieren, wird er in vielen Plänen allenfalls indirekt angesprochen. Dies dürfte auch daran liegen, dass entsprechende Satzungsregelungen politisch sensibel sind und wohl erst in späteren Umsetzungsphasen konkretisiert werden dürften.
Mehrere Wärmepläne heben ausdrücklich die Vorbildfunktion kommunaler Liegenschaften hervor. Besonders deutlich geschieht dies in Krefeld (ZGM) (siehe Blog 24) und Neuss, wo energetische Sanierung, eigene Wärmewendeprojekte und Photovoltaik auf kommunalen Gebäuden ausdrücklich als Signalwirkung für private Eigentümer verstanden werden. Überraschend zurückhaltend bleibt dagegen häufig die Rolle kommunaler Wohnungsbaugesellschaften, obwohl gerade diese für Sanierungsraten, Quartierslösungen und soziale Umsetzbarkeit erhebliches Potenzial besitzen.
Bemerkenswert einheitlich ist wiederum der regulatorische Bezugsrahmen der Planungen. Sämtliche betrachteten Wärmepläne wurden noch unter den Rahmenbedingungen der bisherigen Energie-Gesetzgebung (v.a. GEG) entwickelt. Keiner der Pläne arbeitet bereits mit den möglichen Veränderungen der neuen Gesetzeslage nach der Bundestagswahl 2025. Dies erzeugt eine deutliche Unsicherheit hinsichtlich langfristiger Investitions- und Planungsentscheidungen. Gleichzeitig zeigt sich daran, wie stark kommunale Wärmeplanung von bundespolitischen Rahmenbedingungen abhängig bleibt. So wie der Fortbetrieb von Gasheizungen (auch mit – unzureichend vorhandenem - Biogas) der Stilllegung von Gasnetzen und dem Ausbau von Fernwärme entgegen wirkt, wird speziell auch die Begrenzung der Betriebsdauer von Gasheizungen in mehreren Plänen als elementar für das Erreichen der Klimaneutralität 2045 erwähnt.
Forderungen nach Beschleunigung von Genehmigungsprozessen finden sich in fast allen Plänen, die Notwendigkeit von Baustellenkoordination schon in wenigeren. Zusammen mit Fachkräftemangel und Tiefbaukapazitäten könnte dies aber, wenn es wirklich flächendeckend „losgeht“, begrenzender sein als die Finanzierung.
Ähnlich unterschiedlich differenziert fallen die Annahmen zu energetischen Sanierungsraten bis 2045 aus. Während einige Wärmepläne eher vorsichtig sind (Neuss mit durchschnittlich 1,1%, Duisburg mit 1,3%, arbeiten die meisten mit einem mehr oder weniger raschen Anstieg auf 1,5%. Ambitionierter erscheinen schon Solingen, Bielefeld oder Münster mit (bis zu) 2%. Spitzenreiter ist Krefeld mit 2,5%, gefolgt von Köln mit 1,5-2,5%, je nach Gebiet. Dabei bleibt oft offen, ob die notwendigen Investitionen, Handwerkskapazitäten und Eigentümerentscheidungen tatsächlich in der erwarteten Geschwindigkeit mobilisiert werden können. Insgesamt zeigt sich auch hier, dass viele Wärmepläne zwar detaillierte Zielbilder formulieren, die reale Umsetzungsdynamik jedoch häufig nur begrenzt diskutieren.
Die zukünftige Dekarbonisierung industrieller Prozesswärme wird in den meisten kommunalen Wärmeplänen nur am Rande behandelt. Dies entspricht auch der gesetzlichen Systematik, da industrielle Hochtemperaturprozesse nicht zum eigentlichen Kernbereich kommunaler Wärmeplanung gehören. Besonders in industriell geprägten Städten wie Essen oder Duisburg werden jedoch zumindest grobe Transformationspfade diskutiert, häufig entlang einer Kombination aus Elektrifizierung und Wasserstoffnutzung. Insgesamt bleibt die zukünftige industrielle Prozesswärme jedoch eines der am wenigsten konkretisierten Felder der kommunalen Wärmewende.
Nahezu alle betrachteten Wärmepläne weisen geringe verbleibende Restemissionen im Zieljahr 2045 aus. Explizit reflektiert und diskutiert werden Ursache und Umgang damit jedoch praktisch nicht. Die meisten Wärmepläne behandeln sie als technische Bilanzgröße, nicht als eigenständige strategische Herausforderung.
2045 ist das in den meisten Wärmeplanungen angestrebte Neutralitätsziel. Bei Betrachtung der dafür erforderlichen Maßnahmen (v.a. Fernwärmeausbau, Sanierungsraten, „vorzeitiger“ Heizungsersatz etc.) ist dies schon als ambitioniert zu betrachten. Dadurch entsteht ein Zielkonflikt zu dem Ziel mancher Städte, schon 2030 (Münster, Aachen?), 2035 (Köln, Neuss, Wuppertal, Krefeld) oder 2040 (Solingen) Klimaneutralität zu erreichen. Dies wird in mehreren Plänen (Neuss, Köln, Aachen) auch mehr oder weniger explizit diskutiert. Praktisch wird es die Umsetzung der Wärmepläne kaum beeinflussen. Es sollte aber motivieren, alle Maßnahmen so schnell wie möglich auf den Weg zu bringen. Denn die Erreichung einer umfassenden und frühzeitigen Emissionsreduktion ist unverändert dringend und wir durch die stetig neu gewonnen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Meeresströmungen, Eisverlusten und Wetterextremen immer solider und bedrohlicher untermauert.
Und schließlich nochmals die „soziale Frage“! Obwohl soziale Aspekte in nahezu allen Städten objektiv eine erhebliche Rolle spielen dürften, behandeln die meisten Wärmepläne diese Fragen nur indirekt oder randständig. Münster bildet hier mit seinem ausdrücklichen Kapitel zur „Sozialen Wärmewende“ eine löbliche Ausnahme (s.o.). In seinem Wärmeplan wird auch ausdrücklich die Studie der „Stiftung Klimaneutralität“ erwähnt, die 15 Städte mit sozial determinierten „Wohntypen“ (z.B. ältere Besitzer eines Einfamilienhauses, sozial schwächere Mieter etc.) hinterlegt und so interessante Erkenntnisse über die sozialen Betroffenheiten durch die Wärmewende gewinnt (https://www.stiftung-klima.de/de/artikel/die-kommunale-warmeplanung-in-der-praxis-erste-erkenntnisse-aus-15-beispielkommunen ). Die kommunale Wärmeplanung ist zwar primär Infrastrukturplanung und keine eigenständige Sozialpolitik. Gleichwohl beeinflussen soziale Faktoren die praktische Umsetzbarkeit erheblich. Gerade bei der Priorisierung von Fernwärmeausbau könnten soziale Kriterien künftig jedoch an Bedeutung gewinnen, sofern Kommunen bereit sind - neben netzökonomischen - auch politische und sozialräumliche Zielsetzungen stärker zu berücksichtigen.
4. Fazit: Wo steht Krefeld?
Der Vergleich mit zehn anderen nordrhein-westfälischen Wärmeplänen zeigt: Der Krefelder Wärmeplan gehört insgesamt zu den überzeugendsten und vor allem realistischsten Planungen der ersten Generation kommunaler Wärmeplanung in NRW. Er ist weder der wissenschaftlich tiefste noch der visionärste oder gesellschaftspolitisch ambitionierteste Plan. Gerade dadurch wirkt er jedoch operativ nachvollziehbar und umsetzungsorientiert.
Krefeld verfolgt einen klar infrastrukturell geprägten Ansatz. Die Wärmewende wird primär als praktische Transformationsaufgabe verstanden: Wo können Wärmenetze erweitert werden? Welche bestehenden Infrastrukturen lassen sich nutzen? Welche Gebiete erscheinen wirtschaftlich und technisch realistisch? Diese Orientierung macht den Plan weniger spektakulär als manche großstädtischen Konzepte, verleiht ihm aber zugleich eine hohe innere Kohärenz.
Der Krefelder Wärmeplan baut vergleichsweise stark auf bereits vorhandener Infrastruktur auf. Das vorhandene Netz wird maßvoll erweitert, die thermische Abfallverwertung nimmt eine zentrale Rolle ein. Auch die Konzentration auf Fokusgebiete und schrittweise Entwicklungsperspektiven erhöht die Plausibilität des Vorgehens. Während manche andere Kommunen sehr hohe Fernwärmeanteile formulieren, ohne den tatsächlichen Leitungsbau näher zu erläutern, bleibt Krefeld insgesamt näher an realistisch nachvollziehbaren Ausbaupfaden.
Überhaupt zeigt der Vergleich, dass der eigentliche Engpass der Wärmewende häufig weniger bei der zukünftigen Wärmeerzeugung liegt als bei Tiefbau, Netzexpansion, Genehmigungen, Fachkräften und Umsetzungsdynamik. Gerade hier wirkt der Krefelder Wärmeplan vergleichsweise bodenständig. Die Planung vermeidet weitgehend utopische Tranformationsversprechen und konzentriert sich stärker auf operative Steuerbarkeit.
Der NABU hat sich im Vorfeld ehrgeizigere Fernwärmeausbaupläne gewünscht (z.B. Blog XXXX). Besonders die im Westen der Krefelder Innenstadt – aber auch anderweitig - lauernden praktischen und sozialen Probleme bei der Umsetzung anderer Lösungen (oder deren Nicht-Umsetzung mit massivem Heizkostenanstieg) haben ihn umgetrieben. Aber wenn er nun sieht, welche Luftschlösser in anderen Städten gebaut werden, während man in Krefeld und anderswo schon sieht, wie aufwändig, ressourcen- und zeitzehrend starker Ausbau ist, schätzt er den Krefelder Realismus. Was nützt es, wenn Millionen in ein maximal dimensioniertes Netz investiert werden, Fernwärme aber dann so teuer ist, dass andere Energieträger günstiger sind. Direkte oder spätere (soziale) Übernahme der Ausbau- oder später der Betriebskosten durch die Stadt ist definitiv nicht wünschenswert und leistbar. Schließlich laufen die Kunden davon und die Wirtschaftlichkeit stürzt (erst recht) in den Keller. Das gilt besonders, wenn die gegenwärtige Bundesregierung es der Fernwärme tendenziell schwerer macht, indem sie Eigentümer/Vermieter verführt, ihre alten Heizsysteme aus Bequemlichkeit zu erhalten (die Kostenquittung folgt später! Siehe Blog XXXX). Aber vielleicht kommt auch noch eine gute Fee und bringt der Fernwärme wieder stärkeren politischen Rückenwind und die Heinzelmännchen beschleunigen den Ausbau ..... aber die werden dringend in Köln gebraucht!
Positiv hervorzuheben ist am Wärmeplan Krefeld die insgesamt gute Lesbarkeit und Strukturierung des Berichts. Im Gegensatz zu einigen anderen Wärmeplänen verliert sich Krefeld weder in übermäßiger wissenschaftlicher Komplexität noch in stark ausufernden Szenarien. Der Plan bleibt über weite Strecken nachvollziehbar und administrativ gut anschlussfähig. Auch die Rolle der Stadtwerke sowie die Vorbildfunktion kommunaler Liegenschaften werden vergleichsweise klar beschrieben.
Gleichzeitig besitzt auch der Krefelder Wärmeplan erkennbare Schwächen. So bleiben soziale Aspekte — wie in fast allen betrachteten Kommunen — eher randständig. Fragen zukünftiger Endkundenpreise, sozialer Belastungen oder unterschiedlicher Investitionsfähigkeit privater Eigentümer werden kaum behandelt. Gerade im Vergleich zu Münster wird deutlich, dass die gesellschaftliche Dimension der Wärmewende landesweit bislang nur begrenzt integriert ist.
Auch bei Krefeld bleiben einzelne infrastrukturelle Fragen offen. Genehmigungen für Baumaßnahmen müssen schneller werden (Ansätze dazu gibt es). Hinzu kommt, dass die angenommene Rekord-Sanierungsrate von 2,5% ausgesprochen ambitioniert wirkt. Ob diese Geschwindigkeit angesichts von Fachkräftemangel, Investitionskosten und Eigentümerstrukturen tatsächlich erreicht werden kann, bleibt offen.
Der Umsetzungsprozess und die Fortschreibungen bieten aber noch reichlich Möglichkeiten der Ergänzung. So können Nahwärmeinseln, Speicherlösungen, Sanierungsorganisation und -förderung, weitere Unterstützungs-, Finanzierungs- und Motivationsprogramme, soziale Aspekte und manches Andere auch in Zukunft noch ergänzt werden.
Insgesamt hinterlässt der Krefelder Wärmeplan jedoch einen bemerkenswert robusten Eindruck. Er gehört nicht zu den spektakulärsten, aber zu den konsistentesten und plausibelsten der betrachteten Wärmepläne. Seine besondere Stärke liegt weniger in visionären Szenarien als in seiner vergleichsweise hohen operativen Realitätsnähe. Gerade das könnte sich langfristig ein erheblicher Vorteil erweisen. Denn die erste Generation kommunaler Wärmeplanung wird sich letztlich weniger an der Zahl ambitionierter Zielbilder messen lassen müssen als an der tatsächlichen Fähigkeit,Wärmewende unter realen infrastrukturellen, finanziellen und gesellschaftlichen Bedingungen Schritt für Schritt umzusetzen. Das muss sich Krefeld nun frisch und entschlossen ans Werk machen. Es ist nun klar, was zu tun ist! Zögern wird individuell und gesellschaftlich nur teurer.