Es gibt ein Problem beim Bezug von Ökostrom, welches zunehmend relevant für die Energiewende werden wird, aber öffentlich noch wenig diskutiert wird: Bei einem Ökostrom-Vertrag entspricht das Angebot des Stromversorgers der Nachfrage des Verbrauchers über das Jahr gerechnet – nicht aber zu jedem einzelnen Zeitpunkt (24/7 = 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche).
Vorausgeschickt werden muss, dass Strom ja in aller Regel über das bundesweite Stromnetz bezogen wird, aus dem alle Verbraucher ihren Strom beziehen und in das alle Erzeuger ihren Strom einspeisen. Es werden also viele verschiedene Arten Strom hineingeschüttet, aber es kommt immer eine Mischung von allen heraus. Ökostromverträge sind also nicht Vereinbarungen über den Strom, der bei Ihnen aus der Steckdose kommt, sondern über Art und Menge von Strom, die der Versorger, mit dem Sie den Vertrag haben, in das allgemeine Netz einspeist oder, als Weiterverkäufer, einspeisen lässt.
Wo ist das Problem?
Nehmen wir nun an, Sie verbrauchen 1000 kWh Strom im Jahr und Sie hätten einen Vertrag mit einem Versorger, der Ihnen zusichert, für Sie entsprechend viel Ökostrom einzuspeisen. Und nehmen wir ferner an, der Versorger hätte tatsächlich Solaranlagen, mit der er selbst den Strom produziert (so wie z.B. die SWK Solaranlagen in Krefeld und im Umland besitzen).
Was passiert dann in der Nacht? Die Solaranlagen liefern nachts keinen Strom. Sie ziehen also Strom aus dem allgemeinen Netz, der (noch) zu hohem Prozentsatz aus fossilen Quellen stammt, ohne dass der vereinbarte Ökostrom in das Netz eingespeist wird. Ist das Betrug? Nein, denn der Versorger hat Ihnen nur eine Gesamtmenge versprochen. Er speist also am nächsten Tag, wenn die Sonne scheint, eine größere Menge Solarstrom ins Netz und gleicht damit die Mindermenge der Nacht aus. Wenn alles korrekt läuft, ist in der Summe also bilanziell genau die Menge eingespeist worden, die Sie gebraucht haben. Der Vertrag wurde also erfüllt. Allerdings nicht genau zu dem Zeitpunkt, an dem sie den Strom real verbraucht haben.
Alles in Butter? Nicht ganz: Wenn wir annehmen, dass es nur Sie und ihren Versorger gäbe, wäre, trotz 100% Ökostrom-Vertrages, Klimaneutralität nicht erreicht, da immer noch (nachts) CO2 produziert wird. Regenerative Erzeugungskapazität für die Nacht (oder den Winter) muss der Versorger für Sie laut Vertrag nicht zubauen (lassen).
Google geht voran!
Google hat das Problem erkannt. Schon seit über sechs Jahren bezieht Google „100% seines Stromes“ aus regenerativen Quellen. Über das Jahr bilanziert, kamen aber faktisch (in 2022) nur 64% des Gesamtstromes wirklich Stunde für Stunde aus lokalen regenerativen Quellen, der Rest war noch fossil. 2022 hat Google deshalb die Initiative 24/7 gestartet (https://www.google.com/ about/datacenters/cleanenergy/ ). Google will bis 2030 alle seine Anlagen rund um die Uhr mit jeweils im lokalen nationalen Netz erzeugtem Ökostrom versorgen. Sie wollen so erreichen, dass die lokalen Netze tatsächlich vom Ausbau der regenerativen Energiequellen profitieren und wollen die Glaubwürdigkeitsprobleme von reinen Zertifikatslösungen vermeiden (siehe dazu auch den nächsten Blog).
In manchen Gegenden fällt es leichter - so liegt der Regenerativen-Anteil an Googles Strom in Finnland, Chile und einigen US-Staaten bereits deutlich über 90% - in anderen schwerer: In manchen US-Staaten wurden erst 30% erreicht, in Japan und Singapur erst 20%.
Die letzten Meter werden teuer
Noch etwas stellt Google jetzt fest: Die letzten 30% Ökostrom zur Erreichung des 24/7-Zieles zu bekommen wird mindestens noch einmal so teuer sein, wie die ersten 70%. Der Grund ist vereinfacht gesagt, dass es dann nicht mehr reicht, in einer Stromlücke (z.B. nachts) den fossilen Generator anzuwerfen, sondern aufwändige Speichermedien (Pumpspeicher, Batterien, Wasserstoff etc.) bzw. Verteilnetze und intelligente Verbrauchssteuerung geschaffen werden müssen. Nur so aber, kann Klimaneutralität wirklich erreicht werden.
Was bedeutet das für Deutschland und Krefeld?
Wie Google wird es auch der Energiewende insgesamt gehen: Die ersten Meter sind leicht. Bonn z.B. will für seine Klimaneutralität ein Restkontingent an Strom als Ökostrom aus dem allgemeinen Netz ziehen (bilanziell im obigen Sinne nehme ich an). Um aber auch nachts die Kohle- oder Gaskraftwerke irgendwann wirklich abschalten zu können bzw. den tagsüber„nachproduzierten“ bilanziellen Ökostrom irgendwie nutzen zu können, müssen dann z. B. Speicher geschaffen werden. Wer wird diese zahlen? Am Ende der Wende könnte Ökostrom plötzlich deutlich teurer werden, besonders für die, die spät kommen und die letzten neuen Verträge machen müssen.
Besser wäre, wir würden heute schon 24/7 denken. Aktuell gibt es keinen Ökostrom-Anbieter, der 24/7 anbietet, dafür fehlen heute noch zu viele Voraussetzungen. Solaranlagenbesitzer könnten immerhin Stromspeicher bauen – die aber nicht über den Winter helfen. Angebotsseitig wären z.B. möglichst viele Windkraftanlagen in Krefeld hilfreich, da sie auch nachts und vor allem im Winter Strom liefern, wenn Solaranlagen schwächeln. Die SWK würden gerne welche errichten. Dazu fehlen aber noch die Standorte. Dass NRW die Abstandsregeln gekippt hat, wird neue Möglichkeiten eröffnen. Für die (Wind-)Flauten wird man intelligente Steuerung des Verbrauches und Speicher installieren müssen...... es gibt viel zu bedenken und zu tun.
Auch bei den Bilanzen für Krefeld im Rahmen des Klimaneutralitätsprojektes KrKN35 sollten wir dieses Problem zumindest im Hinterkopf haben. Wir sollten es nicht einfach bilanziell "wegrechnen".