Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

34 Das Gutachten KrKN35 ist ein guter Rahmen

34 Das Gutachten KrKN35 ist ein guter Rahmen

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Wie im letzten Blog verkündet, liegt nun das komplette Gutachten „KrefeldKlimaNeutral 2035 (KrKN35)“ vor. Bei erster Lektüre fällt auf, dass es sich kaum von vergleichbaren Gutachten anderer Städte (z.B. Bonn, Wuppertal, München, Freiburg etc. – siehe auch Blog 11) unterscheidet. Alle fußen auf ähnlichen Grundannahmen, alle empfehlen umfassende Umstrukturierungen in allen energierelevanten Bereichen, alle betonen die kurze verbleibende Zeit, die erfordert, praktisch alle Maßnahmen gleichzeitig einzuleiten, alle empfehlen im Wesentlichen die gleichen Maßnahmen und alle betonen, dass zukünftige Kosten aller Art erspart werden. Das ist nicht verwunderlich, denn die Rahmenbedingungen sind überall in etwa gleich. Krefeld befindet sich also in guter Gesellschaft.

Leider aber gibt es keine vergleichbaren Städte in Deutschland, die schon sehr viel weiter wären, so dass wir davon lernen könnten (Städte in anderen Ländern sind in Teilbereichen voraus, haben aber auch andere Rahmenbedingungen). So können wir zwar zusehen, was andere parallel entwickeln; komplette Erfolgsgeschichten kopieren können wir aber nicht. Wir müssen wagen, unseren eigenen Weg zu gehen. Dass viele den gleichen Weg gehen wollen, sollte uns aber ermutigen. Er kann nicht ganz falsch sein.

 

Was empfiehlt das Gutachten inhaltlich?

Wie schon in Blog 33 kurz angerissen, gliedern sich die Handlungsempfehlungen in vier Bereiche: Wärmewende, Stromwende, Verkehrswende und „strategische, übergreifende Maßnahmen“. Alle Bereiche müssen in Angriff genommen werden, wenn wir Klimaneutralität erreichen wollen. Alle 57 in den Steckbriefen detaillierten Einzelmaßnahmen sind wichtig. Weitere Maßnahmen werden voraussichtlich noch im Verlauf als notwendig erkannt werden. Wer sich umfassend informieren will:  Alle Teile des Gutachtens sind abrufbar unter https://ris.krefeld.de/vorgang/?__=UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZV6htEDNuOwBNhipPRnVWFQ (ris.krefeld.de: Vorgang 5224/23 suchen).

 

Wo liegen die größten Treibhausgas-Einsparpotentiale?

Vorauszuschicken ist, dass in Krefeld fünf Großbetriebe angesiedelt sind, die mit Ihren CO2-Emissionen vom europäischen Emissions-Handelssystem (ETS) erfasst werden und unter diesem auch „gezwungenermaßen“, ihre Emissionen ausschleichen müssen. Da hier städtische Maßnahmen nicht greifen werden, werden diese Betriebe im Gutachten KrKN35 nicht berücksichtigt. Sie stellen mit deutlich über 25% der Krefelder CO2-Emissionen (über 500.000 t) einen beträchtlichen Teil des Reduktionspotentials.

Ohne diese ETS-Betriebe produzierte Krefeld im Jahr 2022 insgesamt 1,56 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente (d.h. pro Kopf 6,86 Tonnen). 

Wie schon in Blog 8 und 25 dargestellt, werden in Krefeld im Wärmebereich 66% der Endenergie benötigt und 52% der Treibhausgas-Emissionen verursacht. Es wundert also nicht, dass hier auch die mit Abstand größten Einsparpotentiale liegen:

- Decarbonisierungsmaßnahmen auf Quartiersebene (Effizienzsteigerung, Abwärme aus der Industrie, Umweltwärme etc.) können 450.000 Tonnen CO2 vermeiden.

- Kompletter Austausch des Erdgases im Netz gegen Wasserstoff würde 440.000 t CO2 vermeiden (wobei hier Fragezeichen wegen Kosten und Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff – siehe Blogs 14, 14, 29 - und unklarer Bilanzzuordnung bestehen).

- Durch energetische Sanierungsmaßnahmen im privaten Bereich (v.a. Dämmung und technische Modernisierung) können 308.200 Tonnen CO2 eingespart werden.

Diese drei Maßnahmen liegen weit vor allen anderen im Gutachten quantifizierten Maßnahmen und stehen damit für gut die Hälfte des gesamten Reduktionspotentiales. Sie gehören allerdings auch zu den teuersten Maßnahmen (siehe Blog 35, folgt). Alle drei werden im Rahmen der bald beginnenden Erarbeitung des Krefelder Wärmeplanes (siehe Blog 9) noch viel detaillierter ausgearbeitet werden müssen, wobei sich noch deutliche Verschiebungen der Einsparpotentiale ergeben können.

 

Weitere größere Potentiale

Weitere größere Treibhausgaseinsparungen (je zwischen 60.000 und 19.000 t CO2) sind zu realisieren durch privates Stromsparen, Ausbau der Fernwärme, Energieoptimierung privat und Wirtschaft, Ausbau der Solarenergie, Energiesparen im Stadtkonzern, Decarbonisierung der Fernwärme, Ausbau des öffentlichen Personen-Nahverkehrs, Radverkehrskonzept, Parkraumkonzept, Mobilitätsstationen. Zusammen sparen diese neun Maßnahmen bei kompletter Realisierung weitere ca. 300.000 t CO2 ein.

Auch die übrigen 45 Maßnahmen des Gutachtens liefern wichtige Beiträge zur Erreichung des Neutralitätszieles, wie man schon daran ablesen kann, dass die gerade aufgeführten Maßnahmen in der Summe das Gesamtziel noch nicht erreichen (auch weil teilweise Überschneidungen bestehen).

Wichtig sind dabei vor allem auch die 14 „strategischen, übergreifenden Maßnahmen“ (z.B. Kommunikationsstrategie, Beratungs- und Förderangebote, Ablauf- und Satzungsoptimierung), denen überwiegend (noch) keine bezifferbaren Einsparpotentiale zugeordnet werden können, die aber zur Erreichung des Gesamtzieles unverzichtbar sind.

Berücksichtigt werden muss auch, dass z.B. der Ausbau der Photovoltaik und der Windenergie zwar große Einsparpotentiale freisetzt, die aber aus Bilanzierungsgründen (Strom fließt frei im Netz) nicht voll in die Krefelder Bilanz eingerechnet werden können.

 

Einfach beschließen, umsetzen und fertig?

Wäre schön, ist aber nicht so einfach. Das Gutachten ist sehr hilfreich als Impulsgeber, Richtungsgeber und Rahmen für die weitere Arbeit: Es darf kein wichtiger Bereich vergessen werden. Verbindungen zwischen Bereichen müssen bedacht werden. Manche Maßnahmen müssen vor anderen begonnen werden, damit sie wirksam sind. Ganz viele Bereiche müssen aber noch detailliert bearbeitet werden, um in der Praxis umsetzbar zu sein (vor allem die Wärmeplanung ist vordringlich!). Das Gutachten kann insofern auch nur als rahmengebender Kompass von der Politik beschlossen werden.

Die konkreten Beschlüsse, die dann vor allem die wichtigen Haushaltsmittel für Maßnahmen und Personal beinhalten, werden einzeln verhandelt und in den nächsten Monaten und Jahren beschlossen werden müssen. Dass alle diese zukünftigen Beschlüsse aber wichtig für die Erreichung des Gesamtzieles sein werden, wird mit der Zustimmung der Politik zu Zielen und Richtung des Gutachtens vereinbart. Diese grundsätzliche Bereitschaft zu ausreichendem Klimaschutz, die so elementar für die Vermeidung zukünftigen Leides auf der Welt aber auch in Krefeld (z.B. Hitzetote) ist, kann dann Jahr für Jahr bei den Haushaltsberatungen und anderen Beschlüssen in Erinnerung gerufen werden.