Wie im letzten Blog dargestellt, schlägt das Gutachten „KrefeldKlimaNeutral 2035 (KrKN35)“ zahlreiche Maßnahmen vor, die Treibhausgasemissionen in Krefeld reduzieren – zum Teil in beträchtlichem Ausmaß. Gerade die wirksamsten Maßnahmen scheinen aber auch sehr teuer. Die zum Teil sehr hohen Zahlen führten mancherorts zu Schreckreaktionen. Um zu vermeiden, dass die Empfehlungen des Gutachtens durch Missverständnisse unnötig in Verruf geraten, hier ein paar Erläuterungen dazu.
Zuwarten in jedem Fall teurer!
Vorauszuschicken ist, dass es, global gesehen, mit jedem Jahr des Aufschiebens der Ausgaben teurer wird. Perfiderweise könnte man allerdings darauf hoffen, dass die Ausgaben dann nicht in Krefeld sondern vielleicht in New York (Hochwasser), Italien (Dürre) oder Bangladesh (Überschwemmungen) anfallen. Davon abgesehen, dass derartiges „Trittbrettfahren“ die Augen vor dem Leid in der Welt (und bei uns) verschlösse, steigen auch bei uns in Krefeld die Kosten mit jedem Zögern, wie im Folgenden stichpunktartig gezeigt werden soll.
Vorausgeschickt werden muss aber auch, dass es sich bei den Zahlen im Gutachten „KrKN35“ noch um sehr vorläufige Schätzungen handelt, die in weiteren Ausarbeitungen noch deutlich konkretisiert werden müssen. Man darf also keinen Betrag auf die Goldwaage legen und die Rechnungen in der Folge sind auch nur als grobe Schätzungen zu betrachten.
Wer wird eigentlich „zur Kasse“ gebeten?
Wenn man die Beträge, die über die 12 Jahre bis 2035 benötigt werden, aufschlüsselt, so werden von den in der Presse schon erwähnten geschätzten „Gesamtausgaben“ von 33,5 Milliarden Euro 30,7 Milliarden Euro (d.h. über 90%) von Privatpersonen und der privaten Wirtschaft zu tragen sein. Die städtischen Betriebe werden ca. 2,8 Milliarden Euro investieren müssen (ca. 8,3%), die Stadt selbst ca. 226 Millionen Euro (ca. 0,65%).
Was bekommen wir für das Geld?
Es ist ganz wichtig festzustellen, dass es sich bei einem Großteil der Ausgaben um Investitionen handelt – nicht nur in eine klimafreundlichere Welt, sondern auch für spätere Ersparnisse. Viele Ausgaben „rechnen“ sich dabei schon nach 2-5 Jahren, z.B. Ausgaben für Energiemanagementsysteme für städtische Gebäude und KBK oder für allgemeine Energiesparmaßnahmen (Geräte etc.) im Stadtkonzern oder in der Wirtschaft. Auch die für Energiesparmaßnahmen bei Privatpersonen angesetzten 110 Mio. Euro Gesamtausgaben werden sich in ca. 6 Jahren amortisiert haben. Wäre es nicht dumm, den Gewinn nicht einzustreichen?
Vieles sind langfristige Investitionen z.B. in die Strom- und Wärmenetze (Ausbau Fernwärme, Stromnetze, Tiefengeothermie, Großwärmepumpen) mit Abschreibungszeiten von z.T. mehr als 40 Jahren.
Ein Großteil der vorgeschlagenen Ausgaben rechnen sich also früher oder später durch vermiedene Kosten. Aber auch manchen Ausgaben, die sich nicht unmittelbar im Geldbeutel rechnen, „rechnen“ sich durch gleichzeitige Wohlstands- oder Sicherheitsgewinne (jenseits der Klimawirkung), z.B. manches Verkehrsmanagement und Logistikkonzept, Verkehrsberatung in Schulen.
Wie schon im letzten Blog erläutert, sind insbesondere im Bereich „strategische, übergreifende Maßnahmen“ zahlreiche Maßnahmen in ihrer kostensparenden Wirkung nicht seriös konkret bezifferbar. Sie sind aber dennoch für die Erreichung des Gesamtzieles unverzichtbar.
Manche Ausgaben können ohnehin nicht vermieden werden
Manche Investitionen werden von europäischer, Bundes- und Landgesetzgebung erzwungen. Sie stehen also als unvermeidbare Ausgaben im Gutachten. Z.B. ist mit zunehmender überregional angestrebter Elektrifizierung des Lebens ein Ausbau der Strominfrastruktur kaum zu vermeiden (immerhin ein Posten von 250 Mio. Euro). Oder die Stadtwerke sind verpflichtet, schrittweise neue Busse zu kaufen, die zunehmend regenerativ betrieben werden. Ein Austausch fossiler Heizsysteme wird mittelfristig nicht nur wirtschaftlich sinnvoll sein, sondern auch gesetzlich vorgeschrieben usw.. Für Köln haben Gutachter errechnet, dass von 41 Mrd. Gesamtkosten 27 Mrd. (65%) auch im "Trendszenario" ohne beschleunigende Klimaschutzmaßnahmen notwendig gewesen wären.
Welches ist der größte Einzelposten?
Den mit Abstand größten Betrag werden private Bürger und Wirtschaftsbetriebe für die energetische Sanierung ihrer Wohnungen, Häuser und Betriebsstätten ausgeben, nämlich 30 Milliarden Euro (über 12 Jahre verteilt, wohlgemerkt). Gleichzeitig ist dies aber auch eine der mit Abstand wirksamsten Einzelmaßnahmen des Gutachtens zu Treibhausgasminderung.
Bei der Analyse ist Vorsicht angesagt: Die Zahl wird im Gutachten KrKN35 bewusst als vorläufig bezeichnet. Auf die notwendige Konkretisierung im Rahmen der Krefelder Wärmeplanung, die ja in Kürze begonnen wird, wird ausdrücklich verwiesen. Dort wird sich erweisen, wie hoch die Ausgaben wirklich geschätzt werden müssen (andere Städte setzen sie z.T. deutlich niedriger an) und wie viele zukünftige (Heiz-)Kosten den Bürgern dadurch erspart werden.
München hat bereits 2021 einen sehr umfassenden Wärmeplan erstellt (https://stadt.muenchen.de/dam/jcr:37abd6b3-1684-4853-8b5a-2c9ff0313fbc/Klimaneutrale-Waerme-Muenchen.pdf ). Dort werden z.B. Sanierungskosten, Sanierungsbreite, Sanierungstiefe und Sanierungsgeschwindigkeit sehr viel detaillierter analysiert. Auch die Maßnahmen werden viel genauer beschrieben und damit bezifferbar. Für München ergibt sich das Fazit, dass es deutliche Einsparungen der Gebäudenutzenden und auch der Stadt München gegenüber dem Referenzszenario ohne ausreichende Sanierungsmaßnahmen geben wird. Auch die sozialen Effekte seien positiv. Es gibt guten Grund zu hoffen, dass beides auch für die Krefelder Wärmeplanung gelten wird.
Zusätzlich gibt es ja auch noch Fördermittel
Bei vielen Posten des Gutachtens KrKN35 sind überregionale Fördermittel bereits eingerechnet. Bei manchen aber nicht oder nur teilweise; da kann sich also der auszugebende Betrag noch vermindern. Besonders für den großen Posten der energetischen Sanierung wird es zusätzliche Fördermittel geben, die zum Zeitpunkt der Gutachtenerstellung noch unzureichend definiert waren. Diese werden zur Wirtschaftlichkeit der individuellen Ausgaben beitragen. Auch die europaweite steigende CO2-Bepreisung wird Unterlassungen (z.B. Erhalt alter Gasheizungen, siehe Blog 29) teuer und Klimaausgaben wirtschaftlich immer sinnvoller machen.
Riesiges Wirtschaftsförderungsprogramm
Aktuell verlässt praktisch jeder Euro, den wir für Öl, Gas oder Strom ausgeben, die Region. Durch Umsetzung des Gutachtens KrKN35 werden wir einen Großteil der Gelder in der Region halten können. Dämmung, Fernwärme, Bau und Wartung von Solaranlagen, lokale Stromproduktion, Energiemanagement, öffentlicher Verkehr, lokales Recycling von Rohstoffen („Circular Economy“) und vieles andere nutzt lokalen Wirtschaftsbetrieben. Es wird die Aufgabe kreativer Politik sein, möglichst viel von diesem (Wirtschafts-)Potential zu heben. Der Erfolg wird am größten sein, wenn alle ihre wertvollen konstruktiven Ideen dazu beisteuern und möglichst wenig auf die Bremse treten.