Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

36 Mehrere Dutzend andere Städte ziehen mit!

36 Mehrere Dutzend andere Städte ziehen mit!

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

In Blog 11 vom Januar 2023 war bereits festgestellt worden, dass bereits eine ganze Reihe von Städten in Deutschland Neutralitätsbeschlüsse gefasst hatten oder daran arbeiteten. Inzwischen sind es noch viel mehr geworden.

Auch komplette Klimaschutzprogramme (wie unser KrefeldKlimaNeutral 2035) mit dem Ziel einer vorgezogenen Klimaneutralität liegen inzwischen in vielen Städten vor. Waren es 2019/2020 nur vereinzelte (z.B. Freiburg, Aachen, Gießen), wurden es von Jahr zu Jahr mehr. Inzwischen ist die Anzahl kaum noch zu überblicken. Die meisten peilen 2035 als Neutralitätsziel an, einige 2030 (z.B. Marburg, Tübingen, Erlangen, Mannheim), einige 2040. Einige teilen: Gesamtstadt bis 2035, Stadtverwaltung bis 2030 (u.a. Frankfurt, Heidelberg, Osnabrück), was in der Pressedarstellung zu Missverständnissen führen kann.

 

Jahreszahl oder CO2-Restbudget?

Einige Städte betrachten dabei aber nicht so sehr die Jahreszahl des Erreichens der Klimaneutralität als Zielgröße, sondern das CO2-Restbudget (z.B. Aachen, Erlangen, Mannheim, Hamburg). Wie schon in Blog 33 erwähnt, kann man ausrechnen, wieviel CO2 die Weltbevölkerung noch verursachen darf, bis das 1,5-Grad-Ziel mit hoher Wahrscheinlichkeit überschritten wird. Dies kann man dann auf die jeweilige Stadt herunterbrechen. Ohne Emissionsreduktionen hätte z.B. Krefeld schon Mitte 2025 sein Restbudget verbraucht. Entsprechend rasch ginge es auch bei praktisch allen anderen Städten. Deshalb wird betont, dass vor allem ganz kurzfristig massive Emissionsreduzierungen notwendig sind, um das Budget zu strecken und bis zum Erreichen der Klimaneutralität nicht zu überschreiten. Die wirksamsten und die schnellsten Maßnahmen sollten also so früh wie möglich ergriffen werden. Da dies in der Praxis aber meist nicht so schnell geht, wird in allen erwähnten budgetgeführten Städten eine Einhaltung des 1,5-Grad-Budgets für praktisch nicht mehr möglich gehalten – obwohl die Neutralitätsziele jahreszahlmäßig (Erlangen 2030, die anderen 2035) noch erreicht werden können. Die Geschwindigkeit der Absenkung der Emissionen sei aber allenfalls noch mit dem 1,75-Grad-Ziel vereinbar.

Zu erwähnen ist noch, dass die meisten Städte, mehr oder weniger ausgesprochen, Treibhausgasneutralität anstreben; Mannheim aber strebt ausdrücklich „Klimaneutralität“ an (d.h. Mitberücksichtigung von Klimaauswirkungen jenseits der Treibhausgase).

 

Inhaltlich besteht weitgehende Einigkeit

In Blog 34 war eingangs bereits erwähnt worden, dass sich die Klimaschutzprogramme der verschiedensten Städte in den meisten Aspekten gleichen. In der Folge soll das in einigen Punkten näher beleuchtet werden:

Erarbeitungsprozess: Die meisten Städte haben nach Ratsbeschluss einen oder mehrere Gutachter beauftragt, in Zusammenarbeit mit der Stadt und wichtigen Akteuren ein Klimaschutzprogramm zu erstellen. Andere Städte haben das Programm selbst erarbeitet. Einzelne (z.B. Erlangen, Mannheim und Wuppertal) haben die anzustrebenden Maßnahmen sogar in verschiedensten Beteiligungsprozessen mit der Bevölkerung und vielen anderen Akteuren gemeinsam erarbeitet.

Ausformulierungen: Die Klimaschutzprogramme stammen von sehr unterschiedlichen Gutachtern oder von den Städten selbst. Entsprechend unterschiedlich sind die Formulierungen und Blickrichtungen. So ist z.B. der Endbericht von Stuttgart „Net zero“ vortragsartig, tabellarisch; andere sind kurz und eher allgemein (z.B. Wuppertal), während viele lange Prosa, Erläuterungen oder viele Anhänge bevorzugen.

Hauptbereiche: Praktisch alle Städte unterteilen wie Krefeld in die großen Bereiche „Wärmewende“, „Mobilitätswende“ und „Stromwende“ sowie daneben „strukturelle, übergreifende Maßnahmen“. Die Emissionsschwerpunkte unterscheiden sich zwischen den Städten z.T. leicht, je nach (industrieller) Struktur (in Aachen und Erlangen z.B. „führt“ der Verkehr). ETS-Betriebe bleiben – im Gegensatz zu Krefeld - eher selten unberücksichtigt (in Mannheim z.B. explizit eingeschlossen).

Wärmewende: Der für Krefeld als Hauptemittent so wichtige Wärmebereich wird unterschiedlich gehandhabt. Manchen Gutachten verweisen fast komplett auf den zu erstellenden Wärmeplan, den erst wenige Kommunen fertig haben. Ansonsten sind die Empfehlungsschwerpunkte wie in Krefeld: Sanierung der Gebäude, Ausbau der Fern- und Nahwärme (bis auf deutlich über 50%), Decarbonisierung der Fernwärme, Decarbonisierung der Gasnetze, Ausbau von Wärmepumpen. Mehr dazu in Kürze in einem Blog speziell zur Wärmewende. Nur schon der Hinweis: Praktisch alle Städte halten, wie Krefeld, eine Steigerung der Sanierungsraten auf rund 4% für notwendig (München weicht z.B. ab mit 2,7%). Es gibt Unterschiede in Sanierungsbreite und -tiefe. Allerdings werden die Kosten generell eher niedriger geschätzt (z.B. Stuttgart schätzt „nur“ 5 Mrd., statt wie Krefeld 30 Mrd.). Aachen hat – wie die Niederländer - offenbar bereits gute Erfahrungen mit Quartiersberatungen.

Stromwende: Hier setzen alle hauptsächlich auf Wind und Sonne, wobei manche Städte bilanziell bis zu 100% ihres Strombedarfes selbst erzeugen wollen. Viele halten aber nur weniger für möglich (z.B. Köln 51%,). Unterschiedlich sind die Anrechnungsmodelle. Wie schon in Blog 34 erwähnt, erlaubt das i.d.R. praktizierte Bilanzierungsmodell (BISKO) keine direkte Anrechnung von CO2-Einsparungen durch regenerative Energieerzeugung, da ja überall der gleiche Strom aus dem Netz kommt. Erzeugungskapazitäten können aber in der Bilanz nachrichtlich erfasst werden. Dies handhaben Städte aber unterschiedlich, was zu schwer vergleichbaren Zahlen führt. Außerdem führen manche Städte bei ihren 100%-Plänen auch Erzeugungskapazitäten der Stromversorger außerhalb der Stadtgrenzen mit auf (z.B. München).

Potentiale von Sonne und Wind: Das Windenergiepotential soll immer maximiert werden und hängt meist vom Vorhandensein von Außenbereichen ab. Akzeptanzförderungen werden diskutiert (z.B. Marburg). Ausbaumöglichkeiten für Photovoltaik werden z.T. recht unterschiedlich eingeschätzt; sie werden, wie in Krefeld, oft auf gut 50% des theoretischen Potentials geschätzt; manche wollen (utopische?) 90% erreichen. Satzungsmaßnahmen (Solarpflicht, Verbrennungsverbot etc.) werden in allen Städten empfohlen.

Kosten: Viele Städte betonen, dass Warten nur teurer wird und sich die meisten Investitionen für Bürger und Städte lohnen. Viele aber halten sich mit konkreten Zahlen zu Ausgaben und zu Ersparnissen sehr zurück und verweisen auf noch zu erfolgende Detailanalysen, da viele Zahlen nur grob geschätzt werden könnten.

Restemissionen: Unterschiedlich sind die Einschätzungen der Restemissionen, die 2035 entweder „tolerabel“ sind oder kompensiert werden müssen. Sie liegen meist zwischen 0,3 und 0,9 t CO2/Kopf. Einige Klimakonzepte enthalten Vorschläge dazu, wie diese am Ende zu kompensieren sind. Mehrere schlagen Aufkauf und Entwertung von EU-Emissionszertifikaten vor, andere analysieren diverse Kompensationsprojekte (München z.B. ausführlich auch die Renaturierung von Mooren: Krefelder Feuchtgebiete??).

Bodennutzung: Einige Städte betrachten zusätzlich zu den oben genannten großen Bereichen ausdrücklich auch die Land- und Forstwirtschaft und die sonstige Bodennutzung (Flächenversiegelung, Wasserhaushalt, Schwammstadt etc.), die bei Bilanzierung nach BISKO in der Regel außen vor gelassen wird.

Übergreifende Aspekte: Viele Städte weiten ausdrücklich den Blick über die mehr technischen Aspekte der Energiewende hinaus und diskutieren Kreislaufwirtschaft, graue Emissionen, Mikroplastik, Ansiedelung nachhaltiger Unternehmen, Nachhaltigkeitskriterien, Lebensstil/Suffizienzprinzip, Fleischkonsum, Wohnflächenreduzierung, überregionale Auswirkungen (Konsum, Flüge etc.) oder Stadtplanungskonzepte wie kurze Wege, Nutzungsdurchmischung, Rückbau, Entsiegelung, grüne und blaue Infrastruktur etc.

Diverse spezielle Maßnahmen: Manche Städte konkretisieren spezielle Maßnahmen, wie z.B. spezifische Förderprogramme (das Kölner Förderprogramm „klimafreundliches Wohnen“ ist z.B. mit 20 Mio. € ausgestattet – Krefeld bisher mit 0,5 Mio. €), Detailmaßnahmen (Marburg z.B. Vermarktung von post-EEG-Anlagen; Mannheim, Köln und Stuttgart planen das CO2 der Müllverbrennung einzufangen uva.), Mühlheim plant eine überregionale Verzahnung seiner Wärmeplanung und den Einsatz von Synfuels, Freiburg erwähnt eine mögliche Übernahme externer Kosten z.B. durch Kompensationsleistungen von Unternehmen bzw. Zahlungen von Bürgern in einen „Flugreisentopf“ und Berücksichtigung in der Stadtbilanz etc.. Tübingen hat zu den „größeren Maßnahmen“ jeweils Bürgerbefragungen durchgeführt, um die Akzeptanz einzuschätzen. Marburgs Klimaprogramm enthält interessante „best-practice“-Links bei fast allen Maßnahmen.

 

Wie geht es weiter?

Ein Klimaschutzprogramm ist prima und eine (fast) unverzichtbare Grundlage, stellt aber in der Regel nur den Rahmen für konkrete Maßnahmen dar. Diese müssen nach und nach sowohl ausformuliert als auch mit inhaltlichen und haushaltswirksamen Beschlüssen hinterlegt werden. In Krefeld läuft dieser Prozess erst an. Wie weit andere Kommunen da sind, bleibt einer weiteren Analyse überlassen. Städte die Klimaschutz ernst nehmen erkennt man aber schon an „ernsthaften“ Investitionen (z.B. Ausstattung von Förderprogrammen, Investitionszuschüssen, Strukturbeschlüssen etc.).