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37 Skandinavien-Strom doppelt abgerechnet?

37 Skandinavien-Strom doppelt abgerechnet?

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Als „Lockerungsübung“ zwischen den vielen Blogs über „KrefeldKlimaNeutral 2035“, hier der „Skandinavien-Krimi Teil II“ als Ergänzung zu Blog 32 „Das Skandinavienproblem des Ökostromes“. Wie dort erklärt wurde, kann ein hiesiger Stromversorger eingekauften fossil erzeugten Strom durch Kauf europaweit gültiger Herkunftsnachweise (HKN) in Ökostrom „umdeklarieren“. Wie dargelegt, führt dieses System leider nicht zum Ausbau von erneuerbarer Energieerzeugung, da die Nachweise aufgrund der zahlreichen Wasserkraftanlagen vor allem in Skandinavien nicht knapp sind und deshalb kein Zubau angeregt wird. Es ist aber alles völlig legal, solange die Stromeigenschaft nicht doppelt verkauft wird.

 

Island geriet als erstes in Verdacht

In Bezug auf regenerative Energieerzeugung ist Island aufgrund seiner starken vulkanischen Aktivität Vorreiter. 99% seines Stromes stammen aus Geothermie und Wasserkraft. Als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) nimmt Island auch am Mechanismus der Herkunftsnachweise (HKN) teil. Da es sich bei den HKN nur um eine virtuelle Eigenschaftszuschreibung handelt, ist dies, wie erläutert, legal möglich, obwohl das isländische Stromnetz keinerlei Verbindung zum europäischen Netz hat und damit realer isländischer „Ökostrom“ definitiv nicht auf das europäische Festland gelangt.

Die Ausgabe von HKN wird durch einen Zusammenschluss der in den jeweiligen Ländern für die Ausstellung und Entwertung zuständigen Behörden Association of Issuing Bodies (AIB) überwacht. Diese trennte Island am 28. April 2023 zunächst vom Herkunftsregister, so dass dieses keine HKN mehr ausstellenkonnte (das für Deutschland zuständige Umweltbundesamtes verfügte entsprechend am 8. Mai 2023 einen Importstopp).

 

Was war passiert?

Schon am 29.11.2022 veröffentlichte der Journalist Hanno Böck auf der Rechercheplattform Golem seine Untersuchungen zu isländischen Herkunftsnachweisen  (https://www.golem.de/news/erneuerbare-energien-wie-island-seinen-oekostrom-doppelt-verkauft-2211-169902-2.html ). Er belegte darin ausführlich, dass die regenerative Eigenschaft des isländischen Stromes doppelt genutzt würde.

Kurz zusammengefasst: Island produziert im Jahr 19 Terawatt grünen Strom. Gleichzeitig wurden für 14 Terawatt Strom Herkunftszertifikate ins Ausland verkauft (https://www.aib-net.org/facts/market-information/statistics/activity-statistics-all-aib-members ); (nebenbei: Landsvirkjun, der größte Stromerzeuger Islands verdiente 2022 daran rund 11 Mio. Euro pro Jahr). Seit den 90er Jahren aber warb Island auch mit preiswertem und sauberem Strom, weshalb sich (unter anderem) drei große Aluminiumhütten in Island ansiedelten (Rio Tinto, Nordural und Alcoa). Diese werben in weltweit mit Aluminiumproduktion aus 100% regenerativen Stromquellen und weisen das in ihren CO2-Bilanzen aus so aus. Sie verbrauchen in Island zusammen 12 Terawattstunden Strom im Jahr. Sie erwerben dafür keine Herkunftsnachweise. Aber, selbst wenn sie es täten: Es wären nur Herkunftsnachweise für 19 – 14 = 5 Terawatt Strom verfügbar. Nicht einmal die Hälfte ihres angeblichen Öko-Stromverbrauches wäre also EU-konform als „Ökostrom“ belegt. Physikalisch erhalten die Aluminiumunternehmen regenerativen Strom, bilanztechnisch aber auch die ausländischen Unternehmen (inkl. Stromversorger wie die SWK), die Herkunftsnachweise beziehen. 7 Terawatt Strom werden damit aber doppelt angerechnet.

 

Was ergaben weitere Recherchen?

Auf Rückfrage von Hanno Böck bei der AIB wurde klar, dass diese schon länger von dem Problem wusste. Sie hatte die isländischen Behörden auch bereits aufgefordert, Abhilfe zu schaffen. Immerhin wurden Kunden des Stromversorgers zunehmend motiviert, Herkunftsnachweise zu erwerben – was das Grundproblem aber nicht löste. Hanno Böck fragte auch bei den Unternehmen nach: Von Alcoa erfuhr er, dass weder in Island noch für ein Werk in Norwegen Herkunftsnachweise bezogen würden. Ziel von Alcoa sei, im physikalischen Sinn emissionsfrei zu produzieren, (was ja lobenswert ist). Man verwende ein ortsbasiertes Bilanzverfahren, bei dem nur der jeweils vor Ort vorhandene Strommix relevant sei; und dieser sei sowohl in Norwegen als auch in Island praktisch 100% regenerativ. Dieses Verfahren sei für das Unternehmen im Sinne eines einheitlichen Bilanzsystems notwendig, weil es ja auch in Ländern operiere, die gar keine Herkunftsnachweise hätten. Seitens des Unternehmens nachvollziehbar. Die Probleme entstehen erst dadurch, dass der Stromversorger für den gleichen Strom auch noch Herkunftsnachweise verkauft. Dieser aber sieht das Problem bei den Unternehmen, die ohne Nachweise mit Ökostrom werben würden und der Regierung, die darauf nicht reagiere.

Die weltweiten Ansichten zu diesem Problem teilen sich in zwei Lager: Den marktbasierten und den ortsbasierten Ansatz. Zugrunde liegt das weltweit gültige „Greenhouse Gas Protocol“. Dieses erlaubt aber letztlich beide Abrechnungsarten. Eine Überprüfung ist allerdings angekündigt.

 

Ist der Mißstand jetzt abgestellt?

Nachdem das Umweltbundesamt am 8. Mai 2023 den Importstopp von HKN offiziell verfügt hatte, wurde der Import am 1. Juni 2023 wieder erlaubt. Parallel wurde Island vom AIB wieder an die zentrale Verrechnungsstelle angeschlossen. Das Umweltbundesamt begründete seine „Kehrtwende“ damit, dass Island nachbessere und dass es die Ausstellung und Abrechnung von HKN juristisch nur versagen könne, wenn eine Doppelabrechnung innerhalb des HKN-Systems stattfinde. Dies sei aber nicht der Fall (https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/372/dokumente/20230728_pressemailing_aussetzungsofortvollziehung.pdf).

Hinter den Kulissen wird gemunkelt, dass es auch pragmatische Überlegungen waren, nicht auf einer Versagung des Importes zu bestehen. Recherchen machen sehr wahrscheinlich, dass auch in Norwegen beträchtliche Doppelabrechnungen erfolgen. Damit müsste auch der Import von HKN aus Norwegen untersagt werden. Da die in Deutschland anerkannten HKN aber fast zur Hälfte aus Norwegen stammen, hätte das gravierende Konsequenzen für den Ökostrommarkt in Deutschland. (siehe z.B. https://www.ffe.de/veroeffentlichungen/norwegen-und-die-doppelvermarktung-erneuerbarer-energien/  ).

Auswege aus dem Dilemma werden gesucht. Am 8. November 2023 will das AIB wohl eine Entscheidung zu dem Thema verkünden. Spannend!

 

Was bedeutet das für Krefeld? Ein „Hoch“ auf Wind und Sonne!

Auch die SWK sind darauf angewiesen, Teile ihres Ökostromangebotes durch Herkunftsnachweise als Ökostrom zu legitimieren. Wie man aber sieht, kann das zu Problemen führen. Zum einen steht aktuell die Glaubwürdigkeit des HKN-Systems auf dem Prüfstand. Je nachdem wie die Debatte sich entwickelt, könnte es für Unternehmen sinnvoller sein, im Sinne juristisch tragfähiger Werbeaussagen nicht auf HKN-zertifizierten Strom zu vertrauen. Zum anderen besteht für die SWK das Risiko, dass (z.B. im November) der HKN-Bezug aus Norwegen in Frage gestellt wird und dann Probleme bestehen, genügend „Ökostrom“ für die Kunden belegen zu können.

Alle Beteiligten müssten also ein hohes Interesse daran haben, die Produktion von regenerativem Strom in und um Krefeld herum massiv auszubauen. Dann wären sowohl marktbasierte als auch ortsbasierte Zurechnungssysteme anwendbar. Zudem für meinen einfachen Geist: Ökostrom von der Windkraftanlage vor der Türe weckt mehr Vertrauen als aus Island, mit dem gar keine Stromverbindung besteht.