Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

39 Manche Städte haben schon fertige Wärmepläne

39 Manche Städte haben schon fertige Wärmepläne

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Auch wenn es vielleicht nervt: Nach dem überlangen Blogbeitrag 38 zur Wärmeplanung in München, der die Grundprinzipien der Wärmeplanung an einem praktischen Beispiel etwas breiter beleuchten sollte, hier noch ein Blick auf einige andere Städte, die schon Wärmepläne haben. Die Breite der Möglichkeiten soll deutlich werden (aber der Blog viel kürzer, wie versprochen)!

 

Freiburg (230.000 Einwohner), Oktober 2021 (https://www.freiburg.de/pb/site/Freiburg/ get/params_E442090769/2021233/ Masterplan_Waerme_Freiburg%202030 _barrierearm.pdf ): Der Plan heißt „Masterplan Wärme 2030“ zielt aber auf Klimaneutralität 2050. Die Sanierungsquote soll von 1,5% bis 2030 auf 2,2% ansteigen. Der Wärmebedarf sinkt insgesamt um 16% bis 2030 und 40% bis 2050.

Aktuell 22% Fernwärmeversorgung über 30 Netze. Kein Hauptnetz. Mehr als fünf Versorger. Geplant sind Ausbau und Verbundbildung. Die Fernwärmeversorgung soll auf 51% erhöht werden. In Freiburg besteht ein großes Potential an Tiefen-Geothermie (soll 66% des Bedarfes decken). Das Abwasser ist wegen tiefer Lage besonders warm, deshalb überdurchschnittlich geeignet. Es gibt wenig industrielle Abwärme, keine Müllverbrennungsanlage. Es wird kein breiter Einsatz von Wasserstoff im Bereich Wärme erwartet. Eine Kostenanalyse der Wärmewende erfolgt nicht.

 

Rostock (211.100 Einwohner), Dezember 2023 (https://rathaus.rostock.de/media/ rostock_01.a.4984.de/datei/2022-06-16%20Wärmeplan_Rostock_FINAL.444911.pdf ): Ziel ist Klimaneutralität bis 2035 (sei aber vollständig erst 2045 erreichbar). Nach Beschreibung der Ausgangssituation und der Bedarfsanalyse werden die möglichen regenerativen Wärmepotenziale ermittelt z.B. Großwärmepumpen in Klärwasser, Flusswasser und Ostsee, Tiefegeothermie, Frei- und Dachflächensolarthermie, Biomasse (zu wenig, allenfalls Spitzenlast), Industrieabwärme (zu wenig). Die Sanierungsrate soll von aktuell 0,7% auf 1,2% bis 2% gesteigert und quartiersweise begleitet werden, dadurch Energieeinsparung bis 15% bis 2035. Besonderheit Rostocks (wie auch anderer ostdeutscher Städte) ist ein gut ausgebautes Fernwärmenetz von 400 km Länge. Die Anschlussquote soll von 60% auf 80% gesteigert werden. Saisonale Großwärmespeicher sollen gebaut werden. Die Gesamtkosten für alle Maßnahmen werden auf 1.400 Mio. € geschätzt, wovon 470 Mio. durch Förderung abgedeckt werden können, was ca. 930 Mio. Investitionsbedarflässt. Davon macht die Sanierung ca. 600 Mio. aus. Die Wärmewende sei dämpfend für die Preisentwicklung und damit hilfreich für Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen insofern sozialverträglich. Zudem sei man unabhängiger von überregionalen Preisentwicklungen und die regionalen Wirtschaftskreisläufe würden gestärkt.

 

Recklinghausen Südost (53.000 von 111.700 Einwohnern), Dezember 2013 (https://www.recklinghausen.de/inhalte/startseite/leben_wohnen/Dokumente/Barrierefreie_Vorlage_KSTK_Integriertes_Wärmenutzungskonzept.pdf): Recklinghausen erstellte für seine südöstlichen Stadtteile bereits 2013 (!!!) einen Wärmeplan mit dem Ziel, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen (Zwischenziel 2020). Es wurden Sanierungsraten zwischen 1% und 1,5% unterstellt, damit Rückgang des Wärmebedarfes um 8,6% bis 12,7% bis 2020. Sodann wurden die Wärme-Potenziale verschiedener regenerativer Quellen untersucht: Abwasser, Bioabfälle, oberflächennahe Geothermie, Schachtwärme, Grubenwasser, Grubengas, Industrieabwärme, Erdgas-KWK, Solarthermie. Anschließend wurde deren jeweilige Nutzung in verschiedenen konkreten Objekten und Quartieren des Zielgebietes untersucht und ein Maßnahmenkonzept mit Kostenschätzungen erarbeitet; ebenso ein Controlling-Konzept, um den Verlauf zu überprüfen.

 

Tübingen (90.000 Einwohner), Mai 2023 (https://www.tuebingen.de/ Dateien/Bericht_kommunaler_Waermeplan_Tuebingen.pdf ): Tübingen hat das Ziel 2030 klimaneutral zu sein. Als Sanierungsrate wurden 2% angesetzt, womit in der kurzen Zeit bis 2030 lediglich eine Energieersparnis von knapp 10% erreichbar wäre. Als mögliche Wärmequellen wurden identifiziert (% von Gesamtbedarf): Solarthermie auf Freiflächen (12%) und Dächern (7,5%), Abwasserwärme (7,9%), Erdkollektoren (7%) und -sonden (7%), Abwärme (5%), Oberflächengewässer (5%). Es folgte die Ermittlung von Eignungsgebieten für Fernwärme (Ausbau auf 59% Endenergie) und für die dezentrale Versorgung (vorwiegend Wärmepumpen) inkl. lokaler Wärmeinseln und abgeleitet die Vorschläge für die konkreten Quartiere.

 

Stuttgart (633.000 Einwohner), September 2023 (die Seite ist nicht mehr direkt ansteuerbar: Google-Suche: "Energieleitplanung und kommunaler Wärmeplan Stuttgart" öffnen, dort "Bericht" herunterladen) Neutralitätsziel 2035: Stuttgarts Wärmeplanung ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Zum einen gab es frühzeitig Quartiersteckbriefe aber keinen umfassend ausformulierten Handlungsplan im Wärmebereich. Es gab einen groben Rahmenplan, der tabellarisch diverse allgemeine Maßnahmen definierte (ohne Kostenabschätzungen). Ferner gab es ein paar einzelne Potentialstudien, die Abwärme, Abwasser, Fernwärme, Solarthermie und Neckarwärme untersuchen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es über wärmepumpengenutzte Umweltwärme hinaus nur sehr geringe Potentiale erneuerbarer Wärme gibt und ein genereller Ausbau der Fernwärme nicht zielführend ist. Individuelle Quartiers-Lösungen wurden empfohlen. Die Zusammenfassung zum Bericht "Kommunale Wärmeplanung 2023" erfolgte erst Ende 2023. Dort ist das Vorgehen noch einmal gut beschrieben und er enthält die Quartiersteckbriefe. Er soll politisch beschlossen und Anfang 2024 veröffentlicht werden. 

Sehr interessant und beeindruckend ist die Vielfalt der Lösungen in den 53 Quartier-Steckbriefen. Diese schlagen ganz individuelle lokale Maßnahmepakete vor, die von kombinierten lokalen Wärmepumpenlösungen (z.B. Oberflächenwärme unter Sportplätzen, Luftwärmepumpen, Erdsonden) über Abwasserwärme und Industrieabwärme über viele lokale Netze bis zum Anschluss an vorhandene Fernwärmenetze reichen. Wo sehr wenig Wärme vorhanden ist und individuelle Lösungen schwierig sind, wird der Schwerpunkt auf die Sanierung gelegt. Eine Sanierungsrate von 3,7% soll insgesamt erreicht werden (Tiefe KfW 55). Kostenabschätzungen gibt es allerdings auch in den Quartiersteckbriefen nur punktuell.

 

Kleinere Städte in Baden-Württemberg

Die Wärmepläne ähneln sich sehr, da sie den Landesvorgaben folgen: Als Neutralitätsziel wird deshalb i.d.R. 2040 angestrebt, ggf. mit Zwischenzielen 2030. Es folgen Bestandsanalyse, Potentialanalyse, Zielszenario, Strategie und Maßnahmenkatalog. Dann mehr oder weniger kleinräumige Gebietsanalysen. Die angestrebten Sanierungsraten liegen meist bei 3%, um Einsparungen des Heizenergiebedarfes zwischen 30% und 46% zu erreichen. Dann Verteilung des Restbedarfes auf die verfügbaren regenerativen Energiequellen. Meist wird der Bau oder Ausbau lokaler (Fernwärme-)Netze empfohlen. Verbrauchsmäßig aber überwiegen die dezentralen Lösungen, ganz überwiegend mit Wärmepumpen.

Giengen an der Brenz (20.000 Einwohner), Juli 2023: https://www.giengen.de/Kommunale-Waermeplanung(Plan abrufbar unter „Ergebnisse der kommunalen Wärmeplanung“)

Kornwestheim (33.680 Einwohner), Juli 2023: https://www.kornwestheim.de/start/leben+und+wohnen/klima+und+energie.html

Ostfildern (39.800 Einwohner) Juni 2023: https://www.ostfildern.de/wärmeplanung.html

Kirchheim unter Teck (41.900 Einwohner), Mai 2023: https://www.kirchheim-teck.de/klimaschutz/Kommunale-Waermeplanung

Weitere Pläne (auch bundesweit) sind auch gelistet unter https://www.kww-halle.de/wissen/themen-der-kommunalen-waermeplanung/praxisbeispiele-in-der-uebersicht/kommunale-waermeplaene-im-ueberblick

 

Folgerungen für Krefeld

Die Wärmewende ist bis 2035 voraussichtlich möglich und muss aber für jede Stadt individuell erarbeitet werden. Stuttgart z.B. macht vor, wie man bei der Quartiersbetrachtung höchst kreative lokale Lösungenerarbeiten kann und dadurch selbst bei schlechtem Wärmequellenangebot Klimaneutralität erreichen kann. Ehrgeizige Sanierungraten (zwischen 2% und 4% pro Jahr) und Ausbau netzgebundener Energie (Fern- oder Nahwärmenetze) sind aber bei praktisch allen Städten Elemente einer erfolgreichen regenerativen Versorgung.