Die Bundesregierung hat, unter dem Eindruck des Verfassungsgerichtsurteils, das Ziel der Klimaneutralität für Deutschland von 2050 auf 2045 vorverlegt. Auch das neue Ziel ist fragwürdig, denn: Wissenschaftlich gesehen ist nicht so sehr das Datum des Erreichens der Klimaneutralität entscheidend, sondern wie viel CO2 bis dahin emittiert wird. Klimawirksam ist nämlich das im Zeitverlauf angesammelte CO2 in der Atmosphäre, welches dort hunderte von Jahren verweilen wird. Dessen Konzentration bestimmt, wie stark sich das Klima verändern wird. Je höher sie ist, um so mehr heizt sich das Klima auf, wie in einem Glashaus. Da das Ausmaß der Klimaauswirkungen von der Temperatur abhängt, ist sie weltweit als Maßzahl für das Ausmaß notwendiger Maßnahmen gewählt worden. Der Temperaturanstieg soll laut der Klimakonferenz 2015 in Paris möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden.
Warum sind 1,5 Grad gewählt worden?
Bei Überschreiten von 1,5 Grad Temperaturanstieg steigt das Risiko des Erreichens von Kipp-Punkten deutlich. Kipp-Punkte sind Prozessmarken, an denen bestimmte Kausalketten einen Eigenverlauf nehmen und nicht mehr einfach durch Rückkehr zu niedrigeren Temperaturen gestoppt werden können (Beispiel: Wenn die Tundra taut, werden Unmengen Methan frei, die das Klima exponentiell anheizen. Selbst durch Abkühlung kehrt das Methan nicht in den Boden zurück).
Ein Kipp-Punkt wurde höchstwahrscheinlich schon überschritten (bei 1,2 Grad): Das Absterben der Korallenriffe. Dieses ist im Wesentlichen nicht mehr aufzuhalten, da die Meereserwärmung nicht rasch genug zu stoppen ist. Mit den Korallen stirbt ein ganzes Ökosystem plus das ganze davon abhängige Wirtschaftssystem. Millionen Menschen weltweit geraten in Not.
Im Temperaturbereich zwischen 1,5 Grad und 2,0 Grad drohen weitere Kipp-Punkte. Gerade in diesen Tagen hat ein Team von über 200 Wissenschaftlern (Studie unter https://global-tipping-points.org ) vier davon als die wahrscheinlichsten identifiziert: Der Kollaps des Grönländischen und des Westantarktischen Eisschildes (langfristig ca. 13 m Meeresanstieg), die Disruption der Nordatlantischen Zirkulation ("Golfstrom"; mit starken Wetterauswirkungen auch bei uns) und das Tauen der Permafrostböden. Jeder einzeln von diesen Kipp-Punkten wird die Erde exponentiell zu einem wesentlich ungemütlicheren Ort machen. (Zu Chancen und Nutzen des Klimazieles 1,5 Grad siehe recht übersichtlich Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/1,5-Grad-Ziel ).
Was bedeutet das für Krefelds Klimaneutralitätsziel?
Wegen der deutlichen Zunahme der negativen Auswirkungen bei höherem Temperaturanstieg hält die Wissenschaft am 1,5 Grad-Ziel fest. Sie kann ziemlich genau ausrechnen, wie viel CO2 zur Einhaltung dieses Zieles noch in die Atmosphäre gelangen darf. Diese Zahl kann pro Kopf umgerechnet und dann auf die Krefelder Bevölkerung heruntergebrochen werden. Genau das ist im Anhang „Restbudget“ zum Gutachten „KrefeldKlimaNeutral 2035“ geschehen (https://www.krefeld.de/c1257cbd001f275f/files/krefeld_klimaneutral_2035_-_anhang_restbudget.pdf/$file/krefeld_klimaneutral_2035_-_anhang_restbudget.pdf?openelement ). Dort ist auch die sachliche Grundlage noch einmal ausführlicher erläutert: Um das Klimaziel 1,5 Grad mit 67% Wahrscheinlichkeit einzuhalten, darf Krefeld ab 2021 noch 4.577.204 Tonnen CO2 emittieren. Bei dem jährlichen Verbrauch von 2021 ist das Budget in 3,2 Jahren erschöpft, d.h. 2025. Um das Klimaziel 1,5 Grad mit 50% Wahrscheinlichkeit zu halten, dürfen wir maximal 7.094.666 t CO2 emittieren (was 4,9 Jahre „reichen“ würde). Um 1,75 Grad mit 67%iger Wahrscheinlichkeit zu halten, „dürfen“ wir maximal 13.960.473 t CO2 emittieren, was bei jetziger Geschwindigkeit 9,6 Jahre dauert.
Alle diese Zeiträume liegen vor 2035. Bis 2035 also unverändert weiter zu emittieren, und dann zu stoppen, reicht also nicht. Bei rasch absteigender Emissionskurve aber kann es noch reichen – sogar für das 2035er Ziel.
Entscheidend ist, dass die größten Emissionsabsenkungen möglichst frühzeitig erfolgen. Die Hauptabsenkungen müssen noch vor 2030 und deutlich vor 2035 stattfinden. Sicherlich nicht erst 2045. Insofern ist 2035 ein guter Kompromiss, wenn man unbedingt ein Jahr nennen will. Wissenschaftlich begründet sind aber eher die Gesamtemissionen - bis zu welchem Jahr auch immer. Wichtig ist, dass deren Kurve im Zeitverlauf ganz kurzfristig stark fällt und am Ende flach ausläuft (für Mathematiker: Das Integral unter der Kurve ist zu minimieren).
Fazit für die politischen Diskussionen
Die politischen Diskussionen drehen sich immer wieder um die Frage, ist die Festlegung von 2035 als Neutralitätsziel realistisch, oder sollte es eher 2045, oder noch ein anderes Jahr sein? Auch die SWK haben sich aktuell in die Diskussion eingeschaltet und 2035 aufgrund der technischen und praktischen Machbarkeit (Baustellenplanung, Ressourcenverfügbarkeit, Arbeitkräfte etc.) als „nicht realistisch“ bezeichnet.
Der NABU appelliert an alle Beteiligten, die genaue Festlegung eines Zieljahres nicht so wichtig zu nehmen, wie die Gesamtemissionen bis dahin. Die Zahl 2035 sollte eher nur als „Anfeuerungsruf“ verstanden werden: Zentral ist, wir müssen möglichst viel möglichst rasch reduzieren. Darauf sollten alle gemeinsam hinwirken. Das ist auch im Kern die Rhetorik aller Fraktionen und der SWK. Es könnte also die zentrale Botschaft der gemeinsamen (!) weiteren Anstrengungen sein.
Unter dieser Botschaft kann man das Gutachten „KrefeldKlimaNeutral 2035“ guten Gewissens als Leitbild nehmen, egal wann genau wir ankommen werden. Die Zahl ist nur Motivans, wir wissen alle nicht, wann wir die Klimaneutralität erreichen werden. Keine Stadt der Welt hat dies in dieser Form schon geleistet. Alle fangen erst an. Es gibt keine Vorbilder. Das Gutachten aber fasst die Maßnahmen zusammen, die aus jetziger fachlicher Kenntnis sinnvoll sind – auch wenn es vielleicht Defizite bei den Zahlenschätzungen (siehe Klimablog 40) oder dem Wasserstoffszenario (siehe Blog 44, folgt) hat. Es entspricht inhaltlich den Maßnahmen, die sich alle anderen größeren Städte Europas vorgenommen haben (siehe Klimablog 29,36 und 11). Alle Maßnahmen werden in den nächsten Jahren Jahr für Jahr noch einzeln in den Gremien diskutiert. Dann kann man das Fortbestehen ihrer Sinnhaftigkeit, ihre inhaltlichen Details, ihre Kosten und auch ihren Zeitverlauf noch modifizieren. Die letzten Maßnahmen werden sicherlich erst nach 2035 abgeschlossen sein. Die letzte Photovoltaikanlage wird vielleicht 2050 gebaut und die letzte Wohnung werden wir vielleicht erst 2070 sanieren.
Entscheidend ist, dass jetzt rasch und entschlossen losgelegt wird und CO2 vermieden wird! Wir müssen den Karren über einen gewaltigen Berg ziehen. Ja, Transformation ist eine große Baustelle (buchstäblich)! Das Ziel ist eine moderne Infrastruktur für Krefeld. Da sollten wir alle uns ermutigend zunicken, jeder sein Seil packen und losziehen. Jeder mit seiner vollen Kraft. Alle in die gleiche Richtung! Was jeder sich denkt, wann wir oben sind, ist doch eigentlich egal. Wir werden es sehen. Warum das Ausmaß unserer Motivations(un)fähigkeit vergleichen? Warum uns jetzt die Hindernisse vorbeten? Die kommen von selbst. Wenn wir uns jetzt mit hohlen Diskussionen ermüden, geht viel Kraft und Motivation verloren. Im Kern besteht Einigkeit: Wir müssen möglichst viele Emissionen möglichst rasch reduzieren!