Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

44 Die SWK melden sich zu Wort

44 Die SWK melden sich zu Wort

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Auf der Ratssitzung am 12.12.23 sollte sowohl das Gutachten „KrefeldKlimaNeutral 2035 (KrKN35)“ als Leitbild für den Weg zur Klimaneutralität in Krefeld beschlossen werden, als auch über einen Antrag entschieden werden, das „Wasserstoff-Szenario“ komplett aus dem Gutachten zu streichen. (Ersteres wurde knapp beschlossen, Zweiteres abgelehnt). Als Hilfe für die Entscheidungsfindung versandten die SWK wenige Tage vor der Sitzung ein „Positionspapier der SWK: Erreichung von Klimaneutralität für Krefeld“ an die Fraktionen. Unmittelbar im Anschluss legte auch der NABU ein Positionspapier zu den anstehenden Beschlüssen vor, welches auch auf einige Inhalte des SWK-Papieres Bezug nahm.

Der NABU betonte dabei, dass die zunehmend gute Zusammenarbeit zwischen SWK und Stadtverwaltung sehr erfreulich und eine elementare Voraussetzung für den Erfolg der Klimawende in Krefeld sei. Die Stellungnahme der SWK sei als Positionsangabe sehr hilfreich zur „Einhegung“ wild wuchernder Spekulationen um die beunruhigende aber unvermeidbare bevorstehende Transformation unseres Energiesystems. In diesem Blog sollen nochmals einige Gemeinsamkeiten und Differenzen der Ansichten kurz zusammengefasst werden.

 

2035 oder 20XY?

Einleitend betonen die SWK in ihrem Papier, dass sie sich als „Treiber der Verkehrs- und Energiewende sowie der Recycling- und Kreislaufwirtschaft in Krefeld“ verstehen. Sie begrüßen das „ambitionierte Klimaziel“ der Stadt Krefeld und „unterstützen das Ziel, Klimaneutralität für die Stadt Krefeld zu erreichen mit den ihr zu Verfügung stehenden Mitteln“. Sie betonen aber, neben der Nachhaltigkeit auch die Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit als ihren Auftrag. Dazu zähle auch die „technische und praktische Machbarkeit“ von Maßnahmen (z.B. Baustellenplanung, Ressourcenverfügbarkeit bei Planung und Genehmigung, im Tiefbau und bei Handwerkern sowie bei Investitionen). Auf diesem Hintergrund hielten die SWK das Klimaneutralitätsziel 2035 nicht für realistisch und wollten in ihren Planungen lieber dem Zeithorizont der Bundesregierung (2045) folgen.

Wie in Blog 43 dargelegt, ist diese Debatte in ihrer Zuspitzung verfehlt, da es ja physikalisch um die Gesamtemissionen geht, nicht um ein Zieljahr. Dennoch hängt beides zusammen: Wenn man für eine längere Zeitspanne plant, verschieben sich Maßnahmen nach hinten und stoppen die Emissionen nicht so schnell. Für den Hinterkopf ist es aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass gerade die sehr wirksamen Emissionsminderungsmaßnahmen längere Planungshorizonte aufweisen und deshalb nicht sehr kurzfristig umsetzbar sein werden (eklatantes Beispiel z.B. die Leitungsverlegung für Fernwärme).

Man mag zwar erstaunt vermerken, dass sich die „Stadttochter“ SWK hier explizit in Widerspruch zu bestehenden Ratsbeschlüssen setzt. Auch ist das Aufzählen von Hindernissen eine Steilvorlage für bremsende Gruppierungen. Dennoch ist die Debatte erlaubt und sollte konstruktiv geführt werden. Es wird zu beantworten sein, wie wir, trotz der langen (vielleicht kürzbaren?) Vorlaufzeiten bei wichtigen Maßnahmen, rasch zu Emissionsminderungen kommen können. Ferner sollten wir bereits überlegen, wie wir die 2035 voraussichtlich noch verbleibenden Emissionen kompensieren wollen. Eine gewisse zu kompensierende Restmenge ist im Gutachten vorgesehen. Was, wenn diese ziemlich groß ist? Die Stadt München hat sich dazu schon Gedanken gemacht (z.B. Moorvernässungen).

 

Mehr Fernwärme wäre schön

Wie der NABU sehen auch die SWK die Wärmewende als „Fokusthema der Klimaneutralitätsdebatte“. 97% der Gebäude in Krefeld seien dezentral beheizt, davon 72% mit Erdgas. Nur 3% beziehen derzeit Fernwärme (ca. 5% der Endenergie). Mit Strom seien 12% der Gebäude beheizt, die allerdings nur 2% des Wärmebedarfes benötigten, da es zumeist Neubauten oder kernsanierte Gebäude seien.

Nach Einschätzung der SWK werde „sich das Verhältnis von Strom zu Gas innerhalb der nächsten 20 Jahre ungefähr drehen“.

Prämissen der SWK seien: 1) Je Straße wird nur ein Energieträger für die Wärmeversorgung vorgesehen (Fernwärme, Gas oder Strom). 2) Fernwärme wird in verdichteten Gebieten ausgebaut; dort wird die Gasinfrastruktur stillgelegt. 3) Ein gasbasiertes Netz kann dort bestehen bleiben, wo es Schlüsselkunden gibt, die nicht anders angeschlossen werden können (z.B. bestehende Heizkraftwerke oder BHKWs).

Der NABU ist mit den ersten beiden Prämissen im Grundsatz einverstanden. Er hält die Fernwärme für einen Hauptpfeiler der Wärmewende (siehe Klimablog 25 und 30). Er freut sich deshalb, dass die SWK das Netz „in kompakter Form“ ausbauen wollen. Er unterstützt die Nutzung der Müll- und Klärschlammverbrennungsanlage (MKVA) als Übergangslösung bis ausreichend CO2-freie Wärmequellen erschlossen sind. Er begrüßt sehr die zahlreichen Optionen zur Dekarbonisierung, die die SWK prüfen (Geothermie, Umweltwärme, Abwärme) und, bei Freigabe der aktuell blockierten Bundes-(BEW)-Fördermittel, auch vorantreiben wollen.

Allerdings schwebt den SWK nur eine Verdreifachung der Anschlüsse vor, was etwa 10% der Gebäude entspräche (und 100 km neuer Leitung). Der NABU drängt aber auf höchstmögliche Ausweitung der Fernwärmeversorgung – eher in Richtung 40-50%, wie in vielen anderen Städten (wir haben in Krefeld viele verdichtete Gebiete mit Geschosswohnungsbau, die wirtschaftlich zu versorgen wären) und unterstützt politische Rahmenbedingungen, die dazu notwendig sind. Dies wird im Rahmen der Wärmeplanung genau zu prüfen sein.

Dass dabei viele Baustellen entstehen werden, ist unvermeidlich. Dafür haben wir anschließend eine zukunftsfähige Infrastruktur (besonders, wenn man andere Leitungen mit modernisiert) – und viele schöne neue Straßendecken.

Die erste SWK-Prämisse „je Straße nur ein Energieträger“ erscheint pragmatisch sinnvoll. Allerdings fürchtet der NABU ein Einfallstor für Bedenkenträger, die dann einen (impliziten) „Anschlusszwang“ beschwören. Das ist zwar heute Polemik, muss aber demnächst einmal sauber durchargumentiert werden. Zudem ist die Bundesgesetzgebung abzuwarten.

 

Zukünftige Gasversorgung?

Die dritte Prämisse der SWK spricht von einem „gasbasierten Netz“. Welches Gas wird wohl darin fließen? Es gäbe drei potentielle „grüne“ Gase, die aus heutiger Sicht verfügbar sein könnten, wenn Erdgas nicht mehr in Frage kommt: Biogas, Synthesegas und Wasserstoff. Biogas ist für manche kleine, ländliche Kommune schon heute das Hauptstandbein der Energiewende. So viel Bioabfall (inkl. Holz) fällt in Krefeld aber nicht an, so dass allenfalls Nutzung in Einzelfällen denkbar wäre (siehe auch Blog 41). Synthesegas gibt es derzeit erst in Ansätzen. Eine Nutzung z.B. im Sinne einer Kohlenstoff-Kreislaufführung bei den Heizwerken sollte als Zukunftsvision erwogen werden, ist bis 2035 aber eher unrealistisch.

Die SWK räumen folglich dem Wasserstoff einen großen Raum in ihrem Papier ein. Ein Beschluss über das „Wasserstoffszenario“ stand im Rat ja auch auf der Tagesordnung. Wasserstoff ist unbestritten ein wichtiges Zukunftselement. Es wird in der Industrie (als Rohstoff der Grundstoffchemie, für die Reduktion in der Stahlindustrie etc.) händeringend gesucht. Das für diesen Zweck benötigte überregionale H2-Backbone-Netz wird erfreulicherweise in der Nähe von Krefeld verlaufen. Die bestehenden PE-Gasleitungen in Krefeld sind sehr vorteilhaft und können zur Versorgung der Industriebetriebe umgenutzt werden.

Wie die SWK, sieht auch der NABU die Spitzenlastabdeckung bei Strom und Wärme (auch Überbrückung von „Dunkelflauten“) als mögliches zukünftiges Einsatzgebiet für Wasserstoff und unterstützt die diesbezüglichen Planungen der SWK. Der NABU begrüßt auch, dass geringe Beimischungen von H2 zum Erdgas in Krefeld nicht geplant sind.

 

Wasserstoff zum Heizen?

Der NABU freut sich über die klare Formulierung des SWK-Papieres, „dass der Einsatz von Wasserstoff im Gebäudewärmesektor nicht sehr effizient ist und daher eine nachrangige Lösung darstellen sollte“. Auch wenn es in Einzelfällen vielleicht Gebäude geben könnte, in denen auch Wasserstoff zum Einsatz kommen könnte, möchte der NABU dies als absolute Ausnahme betrachten! Die Wärmeplanung wird festlegen müssen, ob es überhaupt die Notwendigkeit geben wird.

 

Wasserstoff zum Heizen ist ein hohes Risiko

Warum sieht der NABU Wasserstoff zum Heizen so kritisch? Natürlich in erster Linie wegen seiner Ineffizienz und damit „Verschwendung“ und Blockierung von knapper grüner Energie (siehe Blog 26).

Aber es gibt auch wirtschaftliche Risiken: Gerade der hohe Bedarf der Industrie und der Spitzenlastkessel im Strom- und Wärmebereich, ist ein hohes Risiko für die Verfügbarkeit von Wasserstoff für den Gebäudewärmesektor. Dieser steht nämlich als letzter in der Warteschlange. Und die gegenüber der direkten Nutzung von grünem Strom unbestritten hohe Ineffizienz der Wasserstoffheizung ein echter Konkurrenznachteil (auch im Papier der SWK festgehalten: „....ist die erneuerbare Energiemenge zur Bereitstellung von Niedertemperaturwärme durch Wasserstoff um 500-600% höher gegenüber der Wärmepumpe“). Je knapper also Wasserstoff sein wird, um so weniger bleibt für die Heizung und um so höher wird der Preis sein.

 

Hoffnung auf preiswerten Wasserstoff aus dem Ausland

Die erneuerbaren Kapazitäten für die Produktion von Wasserstoff können, allein für die vorrangigen Nutzungen, allenfalls zur Hälfte in Deutschland bereitgestellt werden. Der Angelpunkt der Diskussion ist damit: Wird es genügend preiswerten Wasserstoff aus dem Ausland geben? Darin sind sich SWK und NABU (derzeit) nicht einig. Damit wird sich Blog 45 ausführlich befassen. Das Fazit aus der Mehrheit der Studien ist bisher: Kurzfristige Knappheit, langfristige Unsicherheit!

Damit sind bei Festlegung auf Wasserstoff zwei Grundpfeiler der Energiebereitstellung gefährdet: Die Versorgungssicherheit und die Wirtschaftlichkeit.

 

Wasserstoffhochburg Hüls?

Der NABU ist sich zwar mit den SWK völlig einig, dass das „Wasserstoffzenario“ des Klimagutachtens KrKN35 mit einem Wasserstoffanteil von bis zu 60% „komplett unrealistisch“ ist. Die SWK halten aber einen Anteil der mit Gas geheizten Gebäude von bis zu 20% für möglich und nötig (inklusive Biogas allerdings, z.B. heute schon lokal in Linn). Eine vorläufige Verteilungsskizze in dem SWK-Papier sieht vor allem den Ortskern Hüls zu 69% nur mit Wasserstoff „grün“ beheizbar, umgebende Bereiche zu 30-40%. Ein Teil davon muss allerdings noch einmal neu berechnet werden, nachdem zwischenzeitlich die Abstandsregeln für Wärmepumpen verändert wurden und diese damit breiter einsetzbar werden.

Der NABU fragt sich allerdings, ob es tatsächlich für den Ortskern Hüls keine andere Lösung gibt. Jede Kleinstadt, die aktuell kein Fernwärmenetz hat, hat doch das gleiche Problem. Sollen alle Kleinstädte Wasserstoff zum Heizen nutzen? Dann wäre sicherlich nicht genug für alle da. Viele Städte haben ihre Wärmeplanung aber schon ohne Wasserstoff geschafft. Das sollte Krefeld auch versuchen. Einzelhäuser und Kleingruppen können im Notfall auch mit Biomethan versorgt werden, ganz Hüls wohl kaum.

Der NABU rät also erneut von Wasserstofflösungen im Heizungsbereich dringend ab (siehe auch Blog 29). Wenn man sich irrtümlich auf Wasserstoff verlässt, haben die Bürger später regional in großem Stil neue H2-ready-Heizungen, die zunächst immer teurer werden und ihnen schließlich möglicherweise wenig nutzen. Der NABU ist der Überzeugung, dass sich in den nächsten Jahren zunehmend zeigen wird, dass Wasserstoff nicht in ausreichendem Maß für das Heizen zur Verfügung stehen wird und deshalb im Privatbereich ganz automatisch andere Lösungen gefunden werden. Er freut sich deshalb, dass dem Wasserstoff auch bei den SWK eine begrenzte und tendenziell abnehmende Bedeutung für die Heizung beigemessen wird. Darauf lässt sich konstruktiv aufbauen.