Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

46 Das China-Argument

46 Das China-Argument

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Aus aktuellem politischen Anlass nun doch noch einmal ein allgemeines Thema (bevor es im nächsten Blog um die Krefelder Wärmeplanung geht): Immer wieder hört man, vor allem von Leugnern der Klimaveränderungen, das folgende Argument (kürzlich sogar noch im Landtag): China emittiere in wenigen Tagen unsere Jahresemissionen an CO2. Deshalb solle doch erst einmal China mit dem Klimaschutz beginnen. Dazu eine Sammlung von Gedanken:

Pro Kopf: Vordergründig stimmt es ja: Absolut gesehen, war China 2022 mit 30,7% der weltweiten CO2-Emissionen der größte Emittent, gefolgt von den USA mit 13,6%.  Es folgten Indien (7,6%), Russland (4,5%), Japan (2,85%) und der Iran (1,86%). Erst auf dem 7. Platz kam Deutschland mit 1,8%.  China hat allerdings über 15mal so viele Einwohner wie Deutschland. Pro Kopf sieht das Ranking 2022 dann ganz anders aus: Nach Ländern wie Palau (60 t pro Kopf) Katar, Saudi Arabien, Luxemburg, Singapur, Australien und anderen mit jeweils 15 bis 35 t CO2-Emissionen pro Kopf, erscheinen China und Deutschland beide erst zwischen dem 15. und dem 20. Rang mit gut 8 t CO2 pro Kopf fast gleichauf. Zugegeben: China hat Deutschland im Folgejahr 2023 knapp überholt. Der Unterschied ist aber nicht wirklich so groß, dass wir das Recht zum Faulenzen daraus ableiten könnten.

Historisch kumulierte Emissionen: Betrachtet man nun aber die Emissionen, die die Länder historisch seit Beginn der Industrialisierung (ca. 1850) ausgestoßen haben, so wird die Liste mit großem Abstand von den USA mit über 500 Mrd. t CO2 angeführt. Das sind 20% des überhaupt jemals durch menschliches Handeln emittierten Kohlendioxids. China liegt, trotz seiner vielfach größeren Bevölkerung, mit ca. 11% der Gesamtemissionen deutlich dahinter auf dem zweiten Platz. Es folgt Russland mit 7% der historischen Emissionen. Deutschland lag bei früheren Berechnungen auf Platz vier. Da neuere Berechnungen Waldrodungen z.B. zur Ackerlandgewinnung mit einbeziehen, wurde es von Brasilien (4,5%) und Indonesien (4,1%) „überholt“ und liegt nun mit 3,5% der weltweiten Emissionen auf Platz 6. Historisch und pro Kopf gesehen, liegen wir damit bei den Emissionen weit vor China.

Länderargument: Es heißt oft, Deutschland trage doch mit nur knapp 2% der weltweiten Emissionen kaum etwas bei. Bei insgesamt knapp 200 Ländern dieser Erde sind 2% viermal mehr als der Durchschnitt (100% : 200 = 0,5%). D.h. viele andere Länder hätten mehr Recht als wir, sich auszuruhen.

Klimaschutzausgaben: Viele stören die Kosten, die wir für die „grüne Transformation“ haben. China aber gab 2023 insgesamt 675 Mrd. Dollar dafür aus – mehr als die EU mit 341 Mrd. Dollar und die USA mit 303 Mrd. Dollar zusammen.

Zubau regenerativer Energiequellen: China hatte 2020 geplant, bis 2030 insgesamt 1200 Gigawatt erneuerbarer Energiequellen (v.a. PV und Windkraft) zuzubauen. Dann zündete es den Turbo: Das Ziel wird bereits 2025 mit 1371 GW überholt werden. Allein 2023 baute China so viel Photovoltaik zu, wie die ganze restliche Welt in 2022 – und legte sogar bei Windkraft 66% zu, während wir schwächelten. Von 2023 bis 2028 wird China mehr regenerative Energieanlagen zubauen, als der Rest der Welt je gebaut hat. Macht das nicht nachdenklich? China führt im Übrigen auch bei Elektroautos und beim Zubau von Ladestationen.

Forschung: Vor zehn Jahren war die EU-Forschung führend bei sauberen Energietechnologien – heute ist es China. Sie liegen durch die Bank vorn, bei Veröffentlichungen zu Solar- und Windenergie, Batterien, Wärmepumpen und Kohlenstoffabscheidungstechniken – alles Schlüsselelemente der Energiewende. Wollten wir ausruhen oder verschlafen?

Exportierte Emissionen: Wer bei der obigen Aussage, dass China Deutschland soeben bei den pro Kopf-Emissionen überholt hat, triumphiert hat, der sollte sich klar machen, dass wir viele „emissionsintensive Industrien“ in den letzten Jahrzehnten „exportiert“ haben und wir einen nennenswerten Teil der chinesischen Emissionen durch die reimportierten Produkte dieser Industrien selbst unterhalten. Wir haben also die Emissionen unser Verbrauchsgüter exportiert und kreiden sie nun den Chinesen an.

Spieltheorie: Wenn immer der Andere anfangen soll, fängt keiner an.

Lemminge: Wenn alle Lemminge auf die Klippe zulaufen, wie ist die Katastrophe dann aufzuhalten? Nur indem alle stehen bleiben! Nicht jedoch wenn alle auf die anderen zeigen – und auch Einzelne können nur sehr schwer stehen bleiben, wenn alle anderen weiterrennen.

Warum sollten ausgerechnet wir denn anfangen? Vielleicht weil wir es von unseren diversen Ressourcen (Finanzen, Technologie, Infrastruktur, soziale Stabilität uva.) her besser können als viele andere Länder. Wir können zudem Sogwirkung entfalten – so wie Kalifornien, welches vor allen anderen Staaten die Schadstoffemissionen von Autos begrenzte und damit die weltweite Autoproduktion nachzog. Ähnliches könnte jetzt das CO2-Ausgleichsinstrument für Importprodukte (CBAM) der EU bewirken – aber nur wenn wir emissionsmäßig besser dastehen als die Herkunftsländer.  

Und die moralische Seite? Jeder Tag, den wir inaktiv verstreichen lassen, bedeutet zusätzliche Tote bei Hitze-, Überschwemmungs- und sonstigen Naturkatastrophen, die nachgewiesenermaßen durch die Klimaveränderungen zunehmen. Jedes Zögern lastet vor allem nachkommenden Generationen mehr Ungemach und Kosten auf. Wegen der Unumkehrbarkeit drohender Kipppunkte könnte man sogar etwas überspitzt argumentieren: Was wenn ausgerechnet wir durch unser Zögern der Grund sind, dass ein bestimmter Kipppunkt überschritten wird und ein irreversibler Prozess in Gang gesetzt wird? Sind unsere 2% vielleicht der berühmte „Tropfen“, der das Fass zum Überlaufen bringt?

Die rechtliche Seite: Zum Glück können wir uns in Deutschland gar nicht so einfach auf die faule Haut legen, weil wir in vielfältige internationale Verpflichtungen eingebunden sind und rechtlich gar nicht anders handeln können. Es würde eine gehörige Disruption bedeuten, da ausschwenken zu wollen.

Und warum wollen wir die Verantwortung überhaupt abschieben? Immer schon lebte der Mensch in Zeiten der Veränderung. Es war letztlich sein evolutionärer Vorteil, dass er durch Verstand und Sprache Veränderungen und schwierige Bedingungen besser überlebte als viele andere Spezies. Subjektiv scheinen uns die Veränderungen aber immer schneller zu gehen: Die rasche und immer schneller werdende Fortentwicklung der Technologien (über Dampfmaschine, Kühlschrank, Fernsehn, Computer, Smartphone usw.), die ja eigentlich keiner missen will. Die vielfältigen (positiven) gesellschaftlichen Veränderungen (Sozialversicherungen, Arbeitsrecht, Familienstrukturen, Mobilität, moderne Medizin uva.) die man leider nicht ohne immer komplexere Regelsysteme bekommt. Die Globalisierung mit finanziellen Verflechtungen, internationalen Abkommen, Reisemöglichkeiten, internationalem Handel, Internationalisierung von Arbeit, aber auch der Küche, und der modernen Medien, die uns die ganze Welt gut bebildert ins Wohnzimmer liefern - das ist manchmal viel auf einmal.

Insbesondere, wer in dieser komplexen Welt mit allem Auf und Ab Nachteile (finanziell, sozial, persönlich) erlitten hat, könnte versucht sein, die Welt anhalten zu wollen – am besten vor der persönlichen Verschlechterung: „früher“. Aber es sei auch den einfach nur „Modernitätsgestressten“ gegönnt, einmal zu seufzen und zu sagen: „Früher schien es mir übersichtlicher – und jetzt sollen erst einmal andere handeln! Ich brauche eine Veränderungspause!“

Einzelne können sich das sogar ohne großen Schaden für längere Zeit leisten. Aber als Gesellschaft sollten wir den Verstand einschalten, der uns ja damals auch in den kalten Breiten hat überleben lassen: Wollen wir wirklich an anderem Ort oder in anderer Zeit leben? War wirklich alles so viel besser als wir noch mehrheitlich mit der Hacke den Acker bestellten und die Schafe auf die Weide trieben? Oder im Mittelalter? Oder in der Nachkriegszeit? Oder vor dem Gebäude-Energie-Gesetz (GEG)? Oder in der Südsee, in Mallorca, in Schweden, in Shangri-la oder all den anderen Sehnsuchtsorten – wo wir am Ende aber doch auch einkaufen und am Abend den Müll runterbringen müssen? Finden wir vielleicht sogar einen Sündenbock, dem wir die Schuld an unserer „Überforderung“ anlasten können?

Oder leben wir nur einfach in einer sehr dynamischen und komplexen Welt, die uns viel abverlangt aber auch viel bietet? Kann man die Vielheit überhaupt „anhalten“? Ist sie nicht das Wesen von Leben und Gesellschaft?

Als Hirtenvolk wäre es übersichtlicher und wir würden weniger Schaden anrichten – es könnte aber nur ein kleiner Teil von uns überleben. Um die moderne Welt mit Ihren Möglichkeiten und Gaben zu meistern brauchen wir mehr Verstand als vor 20.000 Jahren. Zum Glück haben wir seither auch viel gelernt und sollten unser Wissen nutzen! Ob es reicht, wird sich zeigen. Verleugnung oder polemische Vereinfachung jedoch waren immer ein sicherer Weg in die Katastrophe.