Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

47 Die Wärmeplanung in Krefeld wird konkret

47 Die Wärmeplanung in Krefeld wird konkret

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Im Januar 2024 setzte sich die Stadtverwaltung mit dem kurz zuvor beauftragten Gutachter Drees&Sommer (der auch schon bei KrefeldKlimaNeutral 2035 mitgewirkt hat), den SWK und der NGN zusammen, um das Vorgehen zur Erstellung des Wärmeplanes für Krefeld festzulegen. In Kürze soll die vereinbarte Strategie wohl auch der Politik zur Kenntnis gegeben werden. Voraussichtlich 2025 sollen erste Ergebnisse vorliegen.

 

Wie geht es weiter und was wäre zu wünschen?

Das praktische weitere Vorgehen dürfte sich an dem Vorgehen anderer Städte orientieren – wie z.B. in Blog 38 bereits für München skizziert. Der inzwischen fertig gestellte Wärmeplan Stuttgart ist ebenfalls ein gutes Beispiel (siehe Blog 39).

Die Erstellung eines Wärmeplanes umfasst zunächst Grundlagenanalysen zu Bedarfs- und Verbrauchsstruktur, Emissionen, Gebäudestruktur, Akteuren, Potentialen verschiedener grüner Energiequellen uva.. Eine umfassende Datensammlung ist Voraussetzung. In Krefeld liegen erfreulich viele Daten bereits vor (vorherige Gutachten, SWK/NGN, SWK-E2-Institut der FH, LANUV u.a.). Möglichkeiten zur Energieeinsparung und Effizienzsteigerung sind zu quantifizieren, potenzielle Wärmequellen zu identifizieren etc.

Für die Bürger praktisch interessant sind natürlich die Ergebnisse, vor allem die Aufteilung der Vorranggebiete für verschiedene Heizformen. Der Übersichtlichkeit halber sollen die dazu notwendigen einzelnen Schritte, die voraussichtlich in Krefeld zu gehen sind, in diesem Blog (zunächst nur stichwortartig) aufgelistet und mit schlagwortartigen „Klima-Wünschen“ des NABU versehen werden. Sowohl die einzelnen Schritte als auch die Klima-Wünsche des NABU werden anschließend in weiteren Blogs noch detaillierter zu erläutern und zu begründen sein. Auch die wichtige Frage, wie z.B. ausreichend „grüne Wärme“ in das Krefelder Fernwärmenetz kommen wird, ist noch zu diskutieren. Dieser Blog liefert erst einmal nur eine grobe Übersicht über das Vorgehen:

 

A) Fernwärme:

Bei der Erstellung von Wärmeplänen wird in der Regel zunächst der Fernwärmebereich betrachtet, da dieser auf bereits vorhandenen Fernwärmenetzen aufbaut und i.d.R. positiv für das Klima ist. Die SWK schlagen in ihrem Positionspapier (siehe Blog 44) eine Verdreifachung der Anschlüsse (auf ca. 10% der Krefelder Anschlüsse) mit Verdoppelung der Fernwärmeleitungslänge (von ca. 100 km auf 200 km) vor. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) weist in ihrem Energieatlas (https://www.energieatlas.nrw.de/ site/planungskarte_waerme : Wärmeplanung-Wärmenetze-Straßenzüge, Heranzoomen notwendig) allerdings für Krefeld deutlich mehr Straßenzüge mit hoher Wärmebedarfsdichte aus, so dass auf den ersten Blick ein höherer Fernwärmeanteil möglich erscheint. Dies wird diskutiert werden müssen. Damit verbunden ist auch die Frage: Wer muss investiv in Vorleistung gehen, die städtischen Institutionen oder der Bürger?

NABU-Klima-Wunsch: Da Fernwärme große Vorteile für die Energiewende hat (siehe Blogs 25 und 30), wird der NABU sich für einen möglichst breiten Ausbau der Fernwärmeversorgung einsetzen. Zudem entstünde mittelfristig bei nur 10% Fernwärmeversorgung ein soziales Problem: Viele dicht bebaute Mietshausblöcke würden nicht angeschlossen. Für Alternativen fehlen dort aber meist Geld und/oder Motivation (schwierige Refinanzierung), so dass Sanierungen unterbleiben und mit steigenden CO2-Kosten zu sozialen Problemen führen werden (mehr dazu in späteren Blogs).

Konkret gliedert sich das Vorgehen der Wärmeplanung zur Fernwärme voraussichtlich in drei Schritte:

  1. Identifizierung von „Fernwärme-Verdichtungsgebieten“: Dabei werden diejenigen Gebiete identifiziert, die bereits mit Fernwärme erschlossen sind, wo aber weitere Kunden wirtschaftlich anzuschließen wären.

NABU-Klima-Wunsch: Eine möglichst hohe Verdichtung (möglichst über 60% im Versorgungsgebiet) ist erstrebenswert.

  1. Identifizierung von „Fernwärme-Erweiterungsgebieten“: Es werden noch nicht erschlossene Gebiete identifiziert, die per Leitung an das vorhandene Fernwärmegebiet anschließbar sind, und die eine Struktur aufweisen (genügende Dichte, größere Abnehmer inkl. „Ankerkunden“), die eine Erschließung wirtschaftlich erscheinen lassen. Für diese Gebiete müssen dann gezielte Entwicklungspläne erstellt werden. Die mögliche Ausweitung des Fernwärmenetzes erfordert natürlich zusätzliche „grüne Wärmequellen“, wenn die Wärme der MKVA ausgeschöpft ist (bzw. wenn diese durch Rückgang der Müllmengen nachlässt). Hier gibt es wirtschaftlichere und weniger wirtschaftliche Lösungen, die aber voraussichtlich durch steigende CO2-Preise oder Förderprogramme wirtschaftlicher werden. Entsprechend sollten Stufenszenarien entwickelt werden, wie viel zusätzliche Fernwärmegebiete mit welchen Verfahren/Kosten erschlossen werden könnten, um eine politische Diskussion optimaler Erweiterungsgrade der Fernwärmeversorgung zur Minimierung sozialer Härten auf dem Hintergrund sich wandelnder Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Kreativ zu minimieren sind natürlich auch die Auswirkungen der erforderlichen Baumaßnahmen.

NABU-Klima-Wunsch: Eine Identifizierung von möglichst vielen Erweiterungsgebieten wäre wünschenswert (analog erster Klima-Wunsch).

  1. Neue Fernwärmegebiete, z.B. Hüls-Zentrum: Zusätzlich zur Verdichtung und Erweiterung des vorhandenen Fernwärmegebietes wäre eine Prüfung sinnvoll, ob es eventuell weitere Gebiete für eine Fernwärmeerschließung gäbe. Die Überlegung resultiert aus den Analysen der FH Niederrhein: Nach Definierung des für eine Versorgung aus dem gegenwärtigen Netz geeigneten Gebietes und Identifizierung von Gebieten, die prinzipiell für dezentrale Lösungen (v.a. individuelle Wärmepumpen) prädestiniert sind, blieb ein Gebiet, in welchem beide Lösungen nicht optimal sind: Hüls-Zentrum und einige Umgebungsgebiete. Die SWK haben in Ihrem Positionspapier (siehe Blog 44) vorgeschlagen, dieses Gebiet über das bestehende Gasnetz mit Wasserstoff zu erschließen („Wasserstoffvorranggebiet“). Der NABU hält das für riskant (siehe Blog 44 und 45 sowie 10,14 und 26). (Zu weiteren Alternativen für Hüls unter Punkt D noch einige Gedanken).

NABU-Klima-Wunsch: Alternativ wäre aus Sicht des NABU zu prüfen, ob nicht eine Fernwärmeversorgung für Hüls-Zentrum und Umgebung sinnvoll sein könnte. Diese könnte theoretisch sowohl als separates Netz, als auch als Erweiterung des bestehenden Netzes geplant werden.

 

B) Dezentrale Versorgungsgebiete:

Nach Abgrenzung des Fernwärme-Vorranggebietes wäre im Prinzip das gesamte Restgebiet dezentral zu versorgen. Laut SWK-Positionspapier wären dies rund 70% der Anschlüsse (100% minus 10% Fernwärmegebiet minus 20% „H2-Vorranggebiet“ Hüls). Die SWK machen in ihrem Positionspapier zunächst keine detaillierten Vorschläge, was in diesem Gebiet, außer privaten Wärmepumpen, geschehen könnte. Sicherlich aber gibt es auch bei den SWK Ideen. Ohne Ideen wären die Bürger genötigt, jeweils in eigener Initiative Lösungen zu finden. Im Rahmen der Wärmeplanung sollten drei Ansätze verfolgt werden:

  1. Quartierslösungen: Die Stadt Krefeld hat im Rahmen des „Integrierten Klimaschutzkonzeptes, KrefeldKlima 2030“ (IKSK) und „KrefeldKlimaNeutral 2035“ (KrKN35) bereits begonnen, den Planungen der Bürger mit lokalen Analysen und Initiativen auf Quartiersebene mit Hilfe von „Quartier-Managern“ unter die Arme zu greifen. Erste Betrachtungen für einzelne Gebiete sind bereits fortgeschritten bzw. abgeschlossen („z.B. Krefeld Südweststadt“). Aktuell wurde eine Betrachtung des Quartiers „Fischeln-Wedelstraße“ auf den Weg gebracht. Weitere werden folgen. Zuschüsse der KfW sind möglich (KfW-432). Andere Städte (genannt sei wieder Stuttgart – siehe Blog 39) schlagen für große Teile ihres Stadtgebietes sehr individuelle Nahwärmelösungen vor (beispielsweise: Lokale Warm- und Kaltnetze mit Wärmekollektoren unter Bezirkssportanlagen, mitteltiefe Geothermie unter Grünflächen, lokale Kanalwärmenutzung, solarthermische Gemeinschaftsanlagen uva.).
  2. Wärmequellen als Ausgangspunkt: Zu jeder Wärmeplanung gehört initial auch eine Analyse der im Stadtgebiet vorhandenen erneuerbaren Wärmequellen: Z.B. Geothermie (oberflächlich und tief), Umweltwärme im Wasser (Flüsse, Seen, Abwasser), industrielle Abwärme, Solarthermie-Großanlagen. Wo solche Wärmequellen vorhanden sind, können im Umfeld Nahwärmelösungen entwickelt werden. So könnte z.B. die Wärme aus einem Abwasser-Hauptsammler einen größeren Wohnblock mit Wärme versorgen, Kollektoren unter einem Fußballfeld ebenfalls. Baggerseen könnte Wärme entzogen werden, die lokal genutzt wird, etc. Industrielle Abwärme wird ebenfalls oft genannt; ob diese aber in Krefeld zuverlässig genug zur Verfügung steht, scheint fraglich, müsste aber untersucht werden. Großserver wären zuverlässige Wärmequellen, sind aber in Krefeld vermutlich nicht verfügbar.
  3. Lokale Nahwärmelösungen und Neubaugebiete: Es müssen nicht immer ganze Quartiere sein. Auch Lösungen für Wohnblöcke oder Straßenzüge können sinnvoll sein. Insbesondere Neubaugebiete sollten prinzipiell nur noch klimaneutral genehmigt werden. Hier kann die Wärmeplanung kaum eine abschließende Liste möglicher kleinräumiger Projekte definieren. Sie sollte aber Wege aufzeigen, wie die Bürger, Unternehmen (auch die SWK!) sowie genossenschaftliche Initiativen gebildet, motiviert und unterstützt werden könnten, solche lokalen Projektmöglichkeiten zu identifizieren und durchzuführen. Stichworte: Upscaling von Energiedienstleistungen und Contracting-Modellen, Zweck- und Einkaufsgemeinschaften, Finanzierungsmodelle uva.

NABU-Klima-Wunsch: Es möge eine der Hauptaufgaben des Wärmeplanes sein, lokale Chancen für Klima und Bürger zu erkennen und Vorschläge zur Umsetzung zu machen.

 

C) Gebiete für individuelle Lösungen:

Nach Abgrenzung des Fernwärmevorranggebietes und Identifikation aller lokalen Gebiete für die Quartierslösungen oder kleinräumigere Nahwärmelösungen klimatechnisch, wirtschaftlich und sozial möglich sind, können zunächst noch die Gebiete abgegrenzt werden, wo individuelle Lösungen der Privatpersonen und Betriebe (optimal i.d.R. Wärmepumpen, u.U. auch andere Heizformen) sinnvoll sind. Dies sind in der Regel Ein- und Zweifamilienhausgebiete mit umgebenden Freiflächen, wo Wärmepumpen gut eingesetzt werden können. Dort wird eine wärmenetzbasierte Versorgung nur in Einzelfällen günstiger sein (allenfalls bei sehr günstigen lokalen Wärmequellen oder Einzellösungen behindernden Rahmenbedingungen). 

NABU-Klima-Wunsch: Der NABU würde sich wünschen, diese Gebiete sehr intensiv zu überprüfen (Punkt B), ob nicht doch Möglichkeiten für günstige lokale Gemeinschaftslösungen vorliegen. Vor allem aber sollte auch für die individuellen Lösungen im Rahmen der Wärmeplanung definiert werden, wie eine möglichst rasche Umsetzung (neben Heizungstausch auch die Dämmung) durch die Stadt, im Sinne des Klimaschutzes und des Schutzes der Bürger vor steigenden Energiekosten, unterstützt und gefördert werden kann.

 

D) „Besonders herausfordernde“ Gebiete:

Nach Definition der Gebiete A, B und C bleiben unter Umständen Gebiete, die im Wärmeplan Stuttgart als Gebiete „besonders herausfordernder klimaneutraler Wärmeversorgung“ definiert werden. Es handelt sich in der Regel um Gebiete, die nicht an das Fernwärmegebiet angrenzen, in denen eine individuelle Versorgung aufgrund der Verdichtung nur sehr schwer zu realisieren ist, wo aber auch kein nennenswertes erneuerbares Wärmepotential vorliegt. Das trifft in Krefeld, wie schon erwähnt, auf den Ortskern von Hüls zu. In solchen Fällen müssen die Möglichkeiten netzbasierter Versorgung besonders intensiv geprüft werden.  Allerdings ist auch die Verortung der für Netze i.d.R. notwendigen „Energiezentralen“ in sehr verdichteten Gebieten eine Herausforderung. Da sich aber vergleichbare Probleme mit fortschreitender Wärmeplanung bundesweit sicherlich zu hunderten in vielen Städten stellen werden, werden in Kürze sicherlich auch hunderte neue kreative Lösungen gefunden werden, auf die zurückgegriffen werden kann. Aktuell stehen ja fast alle Kommunen noch am Anfang.

Es ist aber über Hüls hinaus zu befürchten, dass in Krefeld auch weite Gebiete der Innenstadt sowie Teile von Cracau und Uerdingen herausfordernd sein werden, sollte sich eine Versorgung mit Fernwärme als unmöglich erweisen.

NABU-Klima-Wunsch: Angesichts von Herausforderungen nicht verzagen und nicht auf „Luftschlösser“ (überhöhte Sanierungsraten, Wasserstoff u.a.) zurückgreifen, sondern optimistisch nach kreativen Lösungen im Rahmen des Möglichen suchen. Für eine zukunftsfähige Infrastruktur müssen ggf. auch investive Lösungen erwogen werden. Da ist dann die Politik besonders gefragt.

Die genannten Themenbereichen wurden, wie gesagt, hier nur angerissen. Zu allen wird es in der Folge noch ausführlichere Blogs geben, die auf die jeweiligen Vorteile und Hemmnisse eingehen werden.