Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

48 Fernwärme-Mutmacher Heidelberg

48 Fernwärme-Mutmacher Heidelberg

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Wie im letzten Blog (Nr. 47) erläutert, wird die Fernwärme ein wichtiger Baustein der Energiewende in Krefeld sein. Wir können also froh sein, dass wir in Krefeld bereits ein gut ausgebautes Fernwärmenetz haben.

Wie bereits in mehreren Blogs angesprochen (z.B. Blogs 25 und 30), hat Fernwärme große Vorteile für eine Umstellung der Wärmeversorgung auf regenerative Energien:

  • Sie kann Wärme aus verschiedensten Quellen „sammeln“ und damit z.B. auch nur zeitweise oder lokal verfügbare Wärmequellen (z.B. Abwärme, Tiefengeothermie) nutzbar machen.
  • Sie ermöglicht bedarfsgerechten, stromnetzgeführten Ausbau
  • Flexibilitätsgewinn durch die Möglichkeit von Speichern.
  • Sie bündelt Investitionen und macht sie damit durch Skaleneffekte für den Einzelnen und für die Volkswirtschaft günstiger. So ist z.B. eine Großwärmepumpe preisgünstiger als viele kleine.
  • Für hochverdichtete Gebiete ist sie oft die einzig sinnvoll mögliche Heizform.
  • Fremdfinanzierungen sind bei großen öffentlichen Vorhaben (mit gesicherten Einnahmen) leichter als bei vielen kleinen privaten.
  • Zudem erhalten Privatleute mehr Flexibilität bei der Finanzierung (so kann in Fernwärmeversorgungsgebieten zunächst ein Fernwärmeanschluss genutzt werden und später gedämmt werden, während dies beim Einbau einer Wärmepumpe zwar auch möglich ist, aber besser gleichzeitig oder in umgekehrter Reihenfolge erfolgt).
  • Fernwärme ist technologieoffener: Neue und zukünftige Energiequellen können problemlos eingefügt werden. Das ist bei privaten Lösungen schwieriger, wo man sich i.d.R. für viele Jahre auf eine Technik festlegt. Das sollte vor allem die Wasserstoff-Optimisten freuen. Sollte dieser doch für Heizzwecke verfügbar werden, dann am ehesten für Spitzenlastheizwerke im Rahmen der Fernwärmeversorgung.

 

SWK/NGN sind zunächst zurückhaltend

Trotz dieser zahlreichen Vorzüge der Fernwärmeversorgung schlagen die SWK laut ihrem Positionspapier (siehe Blog 44) „nur“ 10% Fernwärmeversorgung als Ausbauziel für Krefeld vor (von aktuell 3% der Endwärme). Das ist zwar immerhin eine Verdreifachung des aktuellen („niedrigen“) Angebotes, liegt aber weit unterhalb der Versorgungsanteile in anderen Großstädten (wobei bei Vergleichen zwischen Angaben von Heizwärme, Endwärme, Emissionsanteilen und Zahlen von Anschlüssen bzw. beheizten Wohnungen zu unterscheiden ist, die sehr unterschiedlich sein können).

Die Vorsicht von SWK/NGN ist verständlich: Bedeutet doch ein massiver Ausbau der Fernwärme eine beträchtliche Störung der Straßennutzung aufgrund zahlreicher Baustellen. Zudem ist es eine große Investition. Unklar ist, ob ein größerer Ausbau überhaupt zu schaffen ist – angesichts des aktuellen Fachkräftemangels. Schließlich wird angeführt, dass ja für zusätzliche Verbraucher auch genügend „grüne Energie“ bereitgestellt werden muss.

Im Rahmen der aktuell laufenden Wärmeplanung (Blog 47) wird zwischen Stadt, SWK und schließlich auch der Politik ausdiskutiert werden müssen, ob für Krefeld deutlich höhere Ziele anzustreben sind.

 

Sind andere Städte mutiger?

Viele Städte haben deutlich höhere Fernwärme-Versorgungsanteile. In Skandinavien liegt das an günstigeren historischen Rahmenbedingungen durch frühzeitige CO2-Bepreisung, in manchen deutschen Städten an günstigen Wärmeangeboten (z.B. in Bereichen mit Schwerindustrie, wie Dortmund). Manche haben auch einfach sehr frühzeitig auf Fernwärme gesetzt (z.B. Mannheim, aber letztlich auch Krefeld). Im Osten Deutschlands wurde traditionell die Fernwärme stärker ausgebaut. So kommt es, dass auch in Deutschland zahlreiche Städte Versorgungsanteile zwischen 50% und 70% vorweisen können und diese im Rahmen der Energiewende sogar noch deutlich steigern wollen. Hohe Versorgungsraten sind also faktisch möglich und können offensichtlich auch ausreichend mit grüner Energie betrieben werden.

 

Ist die notwendige hohe Ausbaurate ein Problem?

Ist es aber überhaupt möglich, die hohen Ausbauraten zu erreichen, die die nun stark verspätete Energiewende vielerorts erfordern würden? Hier gibt es weniger Vorbilder, da die meisten fernwärmelastigen Städte Jahrzehnte Zeit hatten, den Ausbau nach und nach voranzutreiben. Aktuell kündigen viele Städte sehr hohe angestrebte Ausbauraten an. Bisher aber nur auf Papier. Konkrete Planungen sind kaum veröffentlicht. Im Rahmen der Wärmeplanungen müssen konkretere Zahlen vorgelegt werden. Bundesweit befinden sich die Wärmepläne aber – wie in Krefeld - überwiegend noch in Bearbeitung. Einige, die fertig sind, enthalten nur sehr vage Zahlenangaben. So schlagen sowohl München als auch Stuttgart in ihren Planungen einen starken Ausbau der Fernwärme vor, lassen dies aber entweder ganz allgemein (München) oder schlagen „Prüfgebiete“ vor (Stuttgart), wo eine Fernwärmeversorgung geprüft werden soll (Links unter Blogs 38 und 39). Fertige Wärmepläne kleinerer Städte sind nur bedingt vergleichbar (Blog 39). Es gibt also leider wenig Vorbilder.

 

Motivierendes Vorbild Heidelberg

Heidelberg (160.000 Einwohner) hat im November 2023 seine Wärmeplanung vorgelegt und politisch beschlossen (Info und Link: https://www.heidelberg.de/hd/HD/ Leben/klimaneutrale+waermeversorgung.html ). Heidelberg hat bereits eine hohe Fernwärmeversorgung (49% der Gesamtwärme, 6.700 Anschlüsse). Sie soll aber bis auf über 70% ausgebaut werden. Konkret bedeutet das bis zu 11.200 (!) zusätzliche Anschlüsse (bei insgesamt nur 25.243 beheizten Gebäuden, d.h. Steigerung von 26% auf 44% der Anschlüsse). Davon sollen in Verdichtungsgebieten, wo bereits Fernwärme liegt, 3.800 zusätzliche Anschlüsse gelegt werden. In Erweiterungsgebieten, die ganz neu an das Netz angeschlossen werden, sollen maximal bis zu 7.600 neue Anschlüsse verlegt werden. Davon sind 3.200 Anschlüsse bereits fest vorgesehen und sollen bis 2030 erschlossen werden. Weitere 4.200 Anschlüsse sollen bis 2040 ausgebaut werden, wobei diese im Detail noch auf Tauglichkeit überprüft werden sollen. Dennoch sind die Zahlen schon recht konkret. Und sie sind sehr ehrgeizig. Immerhin wird damit politisch beschlossen angestrebt, 3.800 + 3.200 = 7.000 neue Anschlüsse großenteils bis 2030 zu schaffen und bis 2040 bis mutmaßlich bis zu 4.200 weitere. Insbesondere sieht Heidelberg kein Problem bei der Erzeugung der „grünen Energie“ (z.B. mehrere Großwärmepumpen im Neckar sowie im Klärwerkabfluss, Tiefengeothermie etc.) – und das bei wesentlich mehr Anschlüssen insgesamt und ähnlichen natürlichen Rahmenbedingungen.

 

Wir sollten Heidelberg nacheifern

In Krefeld haben wir derzeit 1.900 Anschlüsse. 2.500 zusätzliche sind laut Positionspapier der SWK angedacht - anscheinend überwiegend in Verdichtungsgebieten. Wie steht es mit „Erweiterungsgebieten“? Große Gebiete wie der ganze Westen der Innenstadt, große Teile Cracaus und Teile Uerdingens würden sich aufgrund Struktur und Wärmedichte als Fernwärmevorranggebiete eignen. Aufgrund ihrer Gebäudestruktur sind dort Alternativen schwierig, Besitzstrukturen bremsen private Investitionen. Um die Bürger nicht in Schwierigkeiten laufen zu lassen (hohe Heizkosten, späte überstürzte oder unzweckmäßige Sanierungen), wäre möglicherweise ein „mutiger Wurf“ wie in Heidelberg sinnvoll.  Mit z.B. 10.000 neuen Anschlüssen ließe sich für einen nennenswerten Teil dieser verdichteten Gebiete eine preiswerte und sichere Wärmeversorgung schaffen. Heidelberg scheint solche Größenordnungen für machbar zu halten. Für Krefeld laufen noch die Analysen. Aber wenn Heidelberg das schafft, und auch die dazu erforderliche grüne Wärme produzieren kann, können wir das auch.

 

Zukunft bedeutet Baustelle – allerdings auch viele Vorteile

Allerdings müssten wir frühzeitig anfangen, den Bürgern zu erklären, dass sie die für ihre erschwinglichen und umweltfreundlichen Heizsysteme erforderliche moderne Infrastruktur zum Preis zusätzlicher Baustellenbekommen. Wobei zu bedenken ist, dass die Fernwärme z.T. Baustellen für den Netzausbau ersparenkann, der für die vielen Wärmepumpen notwendig wäre – und viele Straßen bzw. Abwasserkanäle ohnehin saniert werden müssen. Umgekehrt verkleinern sich die innerhalb der Häuser notwendigen Baumaßnahmen und Anlagen beträchtlich, Unterhaltungsaufwand über die Jahre fällt weg und die Lärmbelästigung durch zahlreiche Luft-Wärmepumpen wird vermieden, die in verdichteten Gebieten oft die einzige „Notlösung“ sind, wenn keine Fernwärme kommt und die steigenden Heiz- bzw. Sanierungs-Kosten Ende der 30er Jahre über den Köpfen zusammenschlagen.