Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

52 Wasserstoffwirtschaft?

Noch viel zu tun!

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Wir haben uns in Deutschland viel vorgenommen. Noch vor fünf Jahren redeten nur Fachleute von Wasserstoff. Heute ist er „die Zukunft“, unerlässlich für die Klimaziele und soll unsere Industrie vor der Abwanderung retten. Unzweifelhaft wird er eine zentrale Rolle in der zukünftigen Energiewirtschaft spielen. Die Bedeutung ist klar und man weiß auch in etwa welche Mengen gebraucht werden (laut Nationalem Wasserstoffrat: 2030: 94-125 TWh; 2045: 620 bis 1288 TWh – die Zahlen wurden zwischen Februar 2023 und Mai 2024 um 68% nach oben revidiert https://www.wasserstoffrat.de/fileadmin/wasserstoffrat/media/Dokumente/2024/2024-05-03_NWR-Grundlagenpapier_Update_2024_Wasserstoffbedarfe.pdf ). Aber auf dem Weg dahin gibt es noch viele Hindernisse.

Nach Jahren der Stagnation beeilt sich die Regierung, alle Rahmenbedingungen zu schaffen. Es sind aber sehr viele Baustellen auf einmal, optimale Lösungen sind im Geflecht komplexer Probleme schwer zu finden und zunehmend viele Menschen sind von den Änderungen persönlich betroffen. Das verunsichert auch. Entsprechend wachsen auch die Widerstände. Das macht es nicht einfacher, die notwendige grundlegende Transformation nun im Eiltempo durch die noch friedlich auf dem zweifelhaften Ruhekissen billigen russischen Gases ruhende Bevölkerung zu treiben. 

 

Die sorgenvollen Stimmen werden lauter

Umgekehrt aber wird der Bedarf in der Industrie immer deutlicher gesehen. Entsprechend mehren sich sorgenvolle Stimmen von Industrievertretern. Die Presse veröffentlicht zunehmend warnende Artikel (Handelsblatt, Spiegel, Deutsche Wirtschaftsnachrichten). Es betrifft dies Bundesebene und Landesebene gleichermaßen. In NRW mahnt eine Studie der IHK Tempo an (https://www.ihk.de/lippe-detmold/hauptnavigation/beraten-und-informieren/energie/aktuelles/mittelstand-beim-wasserstoffhochlauf-nicht-abhaengen-6163342 ) der WDR stimmt ein („Scheitert die Wasserstoffstrategie?“ vom 16.6.2024: https://www1.wdr.de/fernsehen/westpol/videos/scheitert-die-wasserstoffstrategie--100.html ).

 

Sogar der Nationale Wasserstoffrat äußert sich

Besonders ernst zu nehmen ist eine aktuelle Stellungnahme des „Nationalen Wasserstoffrates (NWR)“ vom 21.6.2024: „Wasserstoffhochlauf in Gefahr – Sofortmaßnahmen dringend erforderlich“, denn der Wasserstoffrat ist das führende beratende Experten-Gremium der Bundesregierung (https://www.wasserstoffrat.de/fileadmin/wasserstoffrat/media/Dokumente/2024/2024-06-21_NWR-Stellungnahme_H2-Hochlauf_in_Gefahr.pdf ).

In der achtseitigen Stellungnahme wird deutlich, an wie vielen Stellen der Wasserstoffhochlauf noch hakt. Es sind zu viele Punkte, um sie hier detailliert zu erklären (es lohnt sich die gut lesbare Stellungnahme selbst zu lesen). Die Vielfalt kann nur angedeutet werden: Eine Haupthürde ist, dass die Preisdifferenz zwischen Angebotsseite (Preisgrenze für Investitionsentscheidung) und der Zahlungsbereitschaft auf der Abnahmeseite zu groß ist. Lösungen sind zwar angedacht aber mit zu wenig Mitteln ausgestattet, um Vertrauen zu erwecken. Es braucht langfristige und verlässliche Rahmenbedingungen und Anreize – und das in unserer turbulenten Zeit. Für die in Deutschland geplante Wasserstofferzeugungsleistung von 10 GW in 2030 liegen entsprechende Investitionsentscheidungen für nur 0,3 GW vor. Für die 2030 benötigten Mengen würden insgesamt sogar 29 bis 52 GW Elektrolyseleistung benötigt, d.h. man rechnet sehr mit dem Ausland. Auch im Ausland aber stagnieren die Projekte durch fehlende Abnahmegarantien; dazu bedürfte es außerdem noch einer Importstrategie der Bundesregierung, einer leistungsfähigen Hafenstruktur, einer Cracker-Struktur (z.B. Ammoniak) und eines langfristigen Engagements der Durchleitungsländer. Auch Kernnetze und Verteilnetze kommen langsam voran. Es fehlt noch eine Speicherstrategie sowie die Anreize für deren Aufbau und der gesetzliche Rahmen für die Umwidmung der Gasleitungen. Es fehlen Strukturen/Anbieter, die Angebot und Nachfrage verbinden. Es fehlen Regulierungsrahmen. Definitionen und Normen sind noch nicht vorhanden oder praxistauglich. Gleichzeitig sind die vorhandenen schon so komplex, dass viele Betriebe überfordert sind. Es fehlt an Elektrolyseuren, da Stromnetznutzungsentgelte und Genehmigungsstau bremsen. Die Ausschreibung der „Important Projects of Common European Interest (IPCEI) läuft schleppend; der Preisverfall der THG-Quoten durch „offensichtlich betrügerische Aktivitäten“ im Ausland bremst. In der Kraftwerksstrategie wurde Wasserstoff ausgespart. Im Verkehrsbereich fehlt die Tankstellenstruktur.

 

Politische Rahmenbedingungen zunehmend unsicher

Wie man sieht, müssen die vielen Glieder der Wasserstoffproduktions- und Lieferkette alle gleichzeitig vorangebracht werden. Und da die Zeit denkbar knapp ist, muss dies sehr schnell geschehen. Erfreulicherweise zieht die Industrie – zumindest im Bereich Wasserstoff – am gleichen Strang. Die politischen Rahmenbedingungen aber werden angesichts klimakritischer Wahlen im Ausland und im Inland nicht einfacher. Leicht können damit Glieder der Kette wegbrechen. Dann kommt Wasserstoff später oder/und wird teurer.

 

Was bedeutet das für Krefeld?

Dass auch Krefeld klimaneutrale Energieträger/Gase einplant, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen, ist sinnvoll. Zum Beispiel könnten die Heizwerke für die Fernwärme damit betrieben werden. Wenn diese nur in Spitzenlastzeiten eingesetzt werden, spielt der Preis des Energieträgers eine geringere Rolle. Hier könnte also ggf. auch Wasserstoff zum Einsatz kommen. Ob man allerdings Privatpersonen, die den ganzen Winter ihre Wohnung heizen müssen, das Risiko eines möglicherweise ziemlich teuren Energieträgers zumuten will, steht auf einem anderen Blatt. Die meisten anderen Städte, die schon Wärmepläne haben, nutzen deshalb keine Ausweisung von „Wasserstoff-Vorranggebieten“.

Ein aktuelles Beispiel ist z.B. die Stadt Hannover, die kürzlich beim Land Niedersachsen ihren Wärmeplan zur Genehmigung eingereicht hat (https://www.hannover.de/Leben-in-der-Region-Hannover/Umwelt-Nachhaltigkeit/Klimaschutz-Energie/Klimaschutz-konkret/Wärmewende-Hannover/Wärmeplanung-Hannover ). Dieser ist erneut ein gutes Modell dafür, wie Wärmeplanung in einer Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern aussehen kann. Die Rahmenbedingungen sind in vieler Hinsicht vergleichbar mit Krefeld, und auch Hannover wird an einer Hauptversorgungsleitung für Wasserstoff liegen. Trotzdem wird bezüglich Wasserstoffs auf Seite 37 des Erläuterungsberichtes mitgeteilt: „Es ist davon auszugehen, dass Wasserstoff ein knappes Gut sein wird und daher fast ausschließlich für den Einsatz in Kraft- und Heizwerken mit eng begrenzter Betriebsstundenzahl zur Deckung der winterlichen (Strom- und) Wärmelastspitzen zum Einsatz kommen wird, nicht hingegen flächig in der dezentralen Wärmeversorgung von Gebäuden.“

(Zu Wasserstoff siehe auch Blogs 10, 14, 19, 26 und 46).