Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

53 Wie viel Fernwärme wäre optimal für Krefeld?

53 Wie viel Fernwärme wäre optimal für Krefeld?

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Aktuell wird über den Krefelder Wärmeplan verhandelt. Darin wird festgelegt werden, in welchen Gebieten welche Heizformen Vorrang haben sollen. Eine wichtige Frage ist dabei die Ausdehnung der sogenannten Fernwärmevorranggebiete.

In den Einfamilienhausgebieten der Außenbezirke wird es keine Fernwärme geben, da die Wärmeabnahme zu gering ist und allein schon die langen Zuleitungen (zu den Gebieten und den einzelnen Häusern) die Versorgung unwirtschaftlich macht (eine Fernwärmeleitung kostet zwischen 2.500 und 5.000 Euro pro Meter!). Allenfalls sehr große Objekte mit hohen Abnahmemengen könnten etwas abgelegenere Erschließungen in Einzelfällen sinnvoll machen, was einigen kleineren Objekten „zufällig“ eine Leitung vor der Haustüre bescheren könnte.

Generell haben die SWK auch die Faustregel, dass sich die Erschließung von Mehrfamilienhäusern erst mit mehr als sechs Wohnung lohnt. Damit – besonders bei isolierter Lage - bleiben auch die meisten Mehrfamilienhaussiedlungen außen vor.

Umgekehrt sieht es im Innenstadtbereich aus. Dort gibt es mehrstöckige Häuser dicht an dicht, die einen hohen Wärmebedarf pro Meter Straßenzug haben und sich gut für eine wirtschaftliche Fernwärmeversorgung eignen (siehe Energieatlas NRW, „Raumwärmebedarf“: https://www.energieatlas.nrw.de/site/planungskarte_waerme ). Besonders günstig ist, wenn es in den jeweiligen Bereichen große Objekte (Schulen, Behörden etc.) gibt, die eine hohe Wärmeabnahme garantieren (sogenannte „Ankerobjekte“).

Innerhalb der Wälle und im östlichen Innenstadtbereich beispielsweise (aber auch in anderen Stadtbereichen) besteht bereits eine dichte Erschließung durch Fernwärmeleitungen (aktuelle Karte – vor Wärmeplan - siehe https://www.swk.de/geschaeftskunden/waerme/fernwaerme-in-krefeld ). In diesen, schon erschlossenen Bereichen können zusätzliche Häuser ohne großen Aufwand angebunden werden. Man nennt diese Bereiche „Fernwärme-Verdichtungsbereiche“.

In weiteren baulich verdichteten Bereichen kann das Netz durch geringen Aufwand ausgebaut werden – sogenannte „Fernwärme-Erweiterungsgebiete“. Welche Gebiete dies sind, wird im Rahmen der Wärmeplanung festgelegt werden müssen.

 

Gibt es schon Anhaltspunkte, wo Fernwärme kommen wird?

Es gibt seitens der SWK Andeutungen wie und wo sie sich eine Fernwärmeerweiterung vorstellen könnten. Einem „Positionspapier“ von November 2023 (siehe Blog 44) und einem Vortrag von Herrn Liedtke im Umweltausschuss von April 2024 waren Hinweise zu entnehmen. Die SWK streben danach eine Verdoppelung der Länge des Fernwärmenetzes von 97 km auf knapp 200 km an. Die notwendige Erzeugungskapazität steigt um 150 MW von 95 MW auf 245 MW. Es sollen dabei mindestens 2.500 neue Anschlüsse ermöglicht werden (aktuell 1.700), bzw. die Anschlussrate in Krefeld soll von 3% auf 10% steigen (was sogar eine Verdreifachung wäre). Erweiterungen finden in der Regel angrenzend an bestehende Versorgungsgebiete statt (z.B. Nord-Uerdingen, Süd-Dießem, Südwest-Inrath).

Anmerkung: Eine Verdreifachung der Anschlussrate ist erfreulich ehrgeizig! Allerdings liegen wir im Städtevergleich damit leider immer noch eher niedrig. (Spitzenreiter ist Flensburg mit 95% Anschlussrate, viele Städte liegen zwischen 20 und 40%). 

 

In welchen Gebieten bestehen aus Sicht des NABU besondere Herausforderungen?

Beispielhaft seien (wie schon in Blogs 47 und 48 angedeutet) zwei große Gebiete genannt, in denen nach den ersten Verlautbarungen der SWK nicht an Fernwärmeerweiterung gedacht wird. Auf der aktuellen Karte der bestehenden Leitungen (Link s.o.) kann man sehr gut die „flächigen Lücken“ der Versorgung im Westen der Innenstadt und im Bereich Cracau erkennen. Dort denken die SWK zunächst nicht an eine Fernwärmeversorgung. Es besteht aber eine hoch verdichtete Bebauung mit hohem Wärmebedarf, hohem Sanierungsbedarf - aber problematischer Investitionsbereitschaft (s.u.) und schwierigen Bedingungen für Wärmepumpen. Fernwärme könnte hier helfen.

 

Warum die SWK das Netz mutig verdoppeln wollen, aber nicht vervierfachen?

Einige Gründe seien schlagwortartig erwähnt: Zu wenig Zeit, zu wenig Fachkräfte, zu viele Baustellen, zu langsame Genehmigungsprozesse. Am häufigsten aber wird genannt: Es gebe zu wenige „grüne Wärmequellen“ (zu den gegenwärtigen Wärmequellen siehe Blog 25). Alle Gründe haben ihre Berechtigung. Zu allen lassen sich aber auch Abhilfemöglichkeiten formulieren. Sogar zu den Wärmequellen wird die Potentialanalyse des Wärmeplanes, die in diesen Tagen fertiggestellt wird, vermutlich Vorschläge machen. Unbestritten ist aber, dass die meisten Steigerungsmaßnahmen, insbesondere Investition in „grüne Technologie“, Geld kosten werden. Die SWK fürchten, dass ein sehr forcierter Ausbau hohe Kosten machen würde und damit die Fernwärmepreise deutlich in die Höhe treiben würde. Eine Optimierung der gegenwärtigen Erzeugung ist noch möglich, dann aber sind neue Technologien gefordert, die teuer sind.

Ein Beispiel: Um die (im Prinzip kostenlos vorhandene) tiefe Erdwärme zu nutzen (siehe Blog 9), sind sowohl teure Tiefenbohrungen (mehrere Millionen Euro pro Bohrung) und teure Großwärmepumpen (hunderttausende Euro) notwendig. Die Kosten müssen auf die Fernwärmepreise verteilt werden müssen – wenn auch über viele Jahre. Ebenso bei der Wärmegewinnung aus dem Rhein (Blog 16) oder großen Solarwärme-Kollektorfeldern (für die zudem der Platz strittig wäre).

Umgekehrt muss man im Blick behalten, dass die Fernwärmepreise in Krefeld im Bundesvergleich sehr günstig sind (https://waermepreise.info ). Das liegt an der günstigen Wärmeproduktion der Müllverbrennungsanlage (MKVA), die uns noch lange (aber nicht unbegrenzt) erhalten bleiben wird. Andererseits gibt es klare Grenzen nach oben: Wenn die Preise zu sehr steigen, geht der Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Energieträgern verloren und der Ausbau wird unwirtschaftlich (wenn der unpopuläre Anschlusszwang vermieden werden soll).

Zudem liegen wir auch mit der angedachten Ausbaurate von 10% noch deutlich unter vergleichbaren Städten. (Es müssen ja nicht gleich 95% wie Flensburg sein).

 

Wer sind die Kostenträger der Energiewende?

Dass die Transformation des Energiesystems notwendig ist, wird nur noch von Randgruppen bestritten. Dass diese viel kostet, ist unbestritten. Dass Nichtstun die Gesellschaft ungleich mehr kosten würde, ist vielfach berechnet worden. Irgendjemand aber muss zahlen! Für Krefeld hat das Gutachten „KrefeldKlimaNeutral 2035“ einen mehrstelligen Milliardenbetrag errechnet, den die Transformation in Krefeld bis 2035 kosten soll. Auch wenn dieser aus Sicht des NABU viel zu hoch gegriffen ist (siehe Blog 40) werden es mehrstellige Millionenbeträge sein (dazu mehr in Blog 35). Privatleute tragen mit Dämmmaßnahmen und Austausch ihrer Heizungen den größten Anteil (und mindern damit ihre zukünftigen Heizkosten). Die SWKtragen vor allem die Investitionskosten für die Erweiterung des Fernwärmenetzes und die Ertüchtigung des Stromnetzes, können diese Kosten aber langfristig auf die Verbraucher umlegen. Weitere Investoren sind Wirtschaftsbetriebe und die Stadt Krefeld. Bund und Land helfen mit diversen Zuschüssen.

 

Fernwärmeausbau – und die gesellschaftliche Verteilung der Energiewendekosten

Ein Beispiel soll nun die Verteilungsfrage illustrieren: Ein Hausbesitzer in Cracau hat zwölf Mieter. Das Haus hat eine Gas-Zentralheizung. Mit steigendem CO2-Preis steigen die Heizkosten (siehe dazu auch Blog 29 „Kostenfalle“). Den Großteil dieser Kostensteigerung tragen die Mieter – auch wenn ein Teil neuerdings auf den Vermieter umgelegt wird. Der Vermieter könnte den Anstieg der Heizkosten durch kleinere Maßnahmen bremsen (Fenstertausch etc.). Aufhalten könnte er ihn aber lediglich durch eine umfassende Sanierung(Außenwanddämmung, Heizungstausch). Er kann Zuschüsse beantragen, dennoch trägt er einen Großteil der Investitionskosten selbst. Nach Sanierung kann er durch eine (gedeckelte) Mieterhöhung nach und nach einen Teil der Kosten wieder einholen. In jedem Fall hat er eine hohe individuelle Investition zu tätigen, womit viele Vermieter ad hoc überfordert sein werden. Zudem steht der Vermieter unter Zeitdruck durch die Kostensteigerung und die gesetzlichen Anforderungen. Noch komplexer werden Lösungen bei Eigentümergemeinschaften oder Etagenheizungen.

Bekommt das Haus einen Fernwärmeanschluss, sieht die Verteilung anders aus: Der Anschluss an die Fernwärme in verdichtetem Gebiet erfordert keine lange Zuleitung. Die Umbaumaßnahmen im Haus halten sich (bei Zentralheizung) finanziell und aufwandmäßig in Grenzen. Danach ist die Heizung mit „grüner Wärme“ im Sinne der Gesetze zunächst einmal geregelt. Eine Dämmung der Außenwände wäre zwar immer noch wünschenswert – ökologisch und da dadurch die Heizkosten für die Mieter beträchtlich sinken. Die Investition kann aber in aller Ruhe geplant und durchgeführt werden. Sie ist auch kleiner, da ein Teil der Investitionen von den SWK getragen wird (Tausch des Wärmeerzeugers). Diese Investition, sowie eine mögliche Preissteigerung durch die vermehrte „grüne Wärme“, werden allerdings anschließend über die Fernwärmepreise auf alle Fernwärmeabnehmer verteilt.

(Hier wird nur das Preisgefüge betrachtet: Sonstige Vorteile der Fernwärme wurden schon angedeutet in Blog 25: Weitere Fördermittel, lange Abschreibungszeiten, leichtere Kredite, Skalengewinne durch größere Investitionen - eine Großwärmepumpe kostet weniger als 100 kleine, Einbindungsmöglichkeit verschiedenster Wärmequellen usw.).

 

Wieviel Fernwärme wäre also optimal?

Wie man an diesem einen Beispiel sieht, führen unterschiedliche Ausbaustufen zu unterschiedlicher Verteilung der Kosten. Ein optimales System ist schwer zu berechnen. Einerseits wegen der vielen Einflussfaktoren – andererseits wegen des Abwägens sehr unterschiedlicher Interessen. Der Stadtrat wird den Plan beschließen müssen. Es würde dabei vielleicht helfen, verschiedene Pfade kostenmäßig abzuschätzen. Beispielsweise: Welche Ausbaustufe des Fernwärmenetzes führt zu welchen Steigerungen des Fernwärmepreises? Die Politik muss am Ende entscheiden, zu welchen Anteilen der Einzelne und zu welchen Anteilen die Gemeinschaft die Preissteigerungen tragen sollen. Es müssen alle an einem Strang ziehen, um die schlimmsten Schäden der Klimaveränderungen abzuwenden. Die Verteilung der Kosten jedoch kann in Grenzen beeinflusst werden.