Am 4. September wurden im KLIMA-Ausschuss im Rathaus einige erste Folien zum „Erstentwurf einer Wärmewendestrategie für die Stadt Krefeld“ vorgestellt. Mitglieder der Arbeitsgruppe aus Stadt, SWK, NGN und Gutachterbüro Drees&Sommer, die diesen erarbeitet hatte, trugen die Ergebnisse vor.
Über die allgemeinen Ziele und den Aufbau einer Wärmeplanung wurde schon in mehreren Blogs berichtet (allgemein Blog 8, München Blog 38, Krefeld Blog 48). Die Arbeitsgruppe stellte fest, dass Krefeld sehr früh mit der Erarbeitung begonnen habe und auch den Ehrgeiz habe, sehr früh fertig zu sein. Laut Gesetz müsste der Wärmeplan bis 2026 vorliegen. Krefeld will diesen spätestens Anfang 2025 vorlegen. Damit wäre Krefeld eine der ersten Städte in NRW. Das ist sehr zu begrüßen! Denn erst wenn damit die angestrebten Wärmequellen gebäudescharf festgelegt sind, können Stadtwerke, Betriebe und Privatpersonen beginnen, in die Sanierung ihrer Gebäude und Anlagen zu investieren. Ziel ist, laut Bundesgesetz, die vollständige Klimaneutralität der Wärmeversorgung bis 2045. Krefeld hat sich dabei allerdings vorgenommen, schon 2035 so weit zu sein (Blog 33).
Die Ergebnisse der Bestandsanalyse wurden im Ausschuss nur kurz erwähnt. 80% der Gebäude dienen Wohnzwecken, davon 51% Einfamilienhäuser, 32% Reihenhäuser, 17% Mehrfamilienhäuser. Als bedeutsam wurde festgehalten, dass Krefeld einen recht alten Gebäudebestand hat: Die überwiegende Zahl der Gebäude wurde 1919 bis 1948 und vor allem von 1958 bis 1978 gebaut – also als Dämmmaßnahmen noch nicht hoch auf der Tagesordnung standen. Entsprechend hoch ist der Heizbedarf (n Krefeld durchschnittlich 182 kWh/m2a, bundesweit 160-170 kWh/m2a).
Wie wird derzeit geheizt?
75% der Gebäude werden mit Erdgas versorgt, ca. 7% mit Fernwärme, weniger als 1% mit Strom (Wärmepumpe, Nachtspeicher).
Fossile Brennstoffe nutzen in Krefeld 32.760 Erdgasanschlüsse (davon 17.909 Brennwertkessel), 7.821 Ölheizungen (davon 1.029 Brennwert), 561 Flüssiggasheizungen.
Wie soll es künftig aussehen?
Alle fossilen Heizquellen (d.h. über 92% der Heizungen) müssen nun nach und nach ersetzt werden. Mit Spannung wurde natürlich die Karte erwartet, die die räumliche Verteilung der zukünftigen Vorranggebiete (Fernwärme etc.) zeigt. Es wird dabei sechs verschiedene Gebiete geben:
- Wärmenetznachverdichtungsgebiet: Es liegt schon eine Fernwärmezuleitung im gleichen Block, weitere Kunden werden angeschlossen.
- Wärmenetzausbaugebiet: Ein bestehendes Wärmenetzgebiet liegt unmittelbar an, aus dem erweiternde Wärmeleitungen gelegt werden können.
- Wärmenetzneubaugebiet: Ein neu angelegtes Wärmenetz in einem Gebiet, das noch kein Netz hat, (zunächst) ohne Anschluss an das alte Netz.
- Prüfgebiet Wärmenetzneubau: Tauglichkeit für Wärmenetzneubau noch zu prüfen.
- Dezentrale Versorgung ohne Gasnetz: Hier kommen Wärmepumpen oder Biomasseanlagen in Einzelgebäuden oder lokalen Gebäudenetzen (Definition lt. GEG: 2-16 Gebäude, bis zu 100 Wohneinheiten) in Frage.
- Dezentrale Versorgung mit bestehendem Gasnetz: Hier wäre neben den vorgenannten individuellen Möglichkeiten auch die Versorgung mit „grünen Gasen“ über das Netz möglich.
Auf den ersten Blick enthält der anschließend gezeigte erste Kartenentwurf keine Überraschungen. Die Nachverdichtungsgebiete (in Dunkelblau) entsprechen naturgemäß dem aktuellen Fernwärmeversorgungsgebiet. Hier soll also nachverdichtet werden.
Wärmenetzausbaugebiete (hellblau) finden sich vor allem entlang und südlich der Berliner Straße, wo eine neue Hauptleitung die bisherige Hauptleitung auf Uerdinger Straße/Friedrich-Ebert-Straße ergänzen soll und damit auch einen Fernwärmeringschluss in der Innenstadt ermöglichen würde. Damit wird sowohl eine höhere Sicherheit erreicht als auch ein höheres Wärmeangebot im Westteil der Stadt (bei fortbestehender Haupt-Wärmeerzeugung im Bereich der MKVA). Ferner sollen Bereiche in Stahldorf und Lehmheide Ost; Uerdingen Nord, West und Süd; Linn sowie auch im Bereich Inrath/Kempener Feld erschlossen werden.
Es gibt ein einziges Prüfgebiet für den Wärmenetzausbau (türkis): Das DB-Werk in Oppum mit einigen angrenzenden Häuserreihen.
Dezentrale Wärmeversorgung bleibt für den Großteil der Stadt außerhalb des Fernwärmegebietes, wobei noch zwischen dezentraler Versorgung mit Gasanschluss (hellgrün) im zentraleren Ring sowie ohne Gasanschluss (dunkelgrün) in den Randbereichen unterschieden wird.
Weitere Inhalte des Entwurfes
Auf rund einem Dutzend Folien lässt sich nur ein Bruchteil des Gesamtinhaltes darstellen. Die Ersteller erwähnen aber noch die Kriterien, die für die Auslegung der Fernwärmenetze angelegt wurden: Wärmedichte, Wärmeliniendichte, Technische Herausforderungen (Bäume, Straßenverhältnisse, Hindernisse wie Bahntrassen etc.), Verfügbarkeit von Wärmequellen, Netzkapazitäten, Verfügbarkeit von (Technik-)Flächen, Abnehmerstrukturen.
Sie stellen ferner dar, dass sich im Rahmen der Transformationsplanung der SWK bisher folgende Rahmenbedingungen ergäben: Die aktuelle Erzeugerleistung könne von 190 MWth auf maximal 300 MWthausgeweitet werden. Der Wärmeabsatz steige dadurch von 300 MW/a auf 800 MW/a. Eine weitere Steigerung sei wegen begrenzter Erzeugungs- und Netzkapazitäten nicht möglich. Damit könne durchschnittlich 60% des aktuellen Wärmebedarfes der Fernwärmegebiete gedeckt werden. Es wird festgestellt: „Fernwärme in Krefeld ist ein begrenztes Gut“.
Festgehalten wurde auch, dass das Gasnetz zunächst erhalten werden soll für verschiedenste mögliche Nachnutzungen. Es sollen aber „doppelte Energieinfrastrukturen“ vermieden werden (ein Gebiet, ein Heizträger!).
Schließlich wird auf den letzten beiden inhaltlichen Folien der Vorstellung die „Herausforderung für die Wärmewende in Krefeld am Beispiel Innenstadt-West“ dargestellt. Dieser Bereich wurde ja bereits in mehreren Blogs als problematisch erkannt (Blogs 47,48,53). Charakteristika sind: Dichte Bebauungsstruktur mit teils denkmalgeschützem Mehretagen-Gebäudebestand, besonderes Erfordernis „sozialverträglicher Wärmewende“, bisher praktisch nur Erdgas. Alles spricht für Wärmenetzausbau. Dieser ist aber schwierigwegen: Enger Straßenführung, Baumbestand, begrenzte Erzeugungs- und Netzkapazitäten, blockierende Bahntrassen. Einige Versorgungsalternativen werden andiskutiert: Pelletkessel oder Luft/Wasser-Wärmepumpen werden wegen ungünstigen Rahmenbedingungen für schwierig gehalten; Versorgung mit „grünen Gasen“ sei nur vorbehaltlich der „Verfügbarkeit und wirtschaftlicher Bezugspreise“ realisierbar.
Schließlich wird noch der Belastungsausgleich des Landes NRW für Kommunen dargestellt, der Kostenunterstützung ermöglicht, dann wird das weitere Vorgehen kurz skizziert: Zunächst Vorstellung des Erstentwurfes in verschiedenen Gremien, dann Beteiligung der Öffentlichkeit. Das Feedback soll eingearbeitet werden und die „Finale Wärmewendestrategie“ spätestens Anfang 2025 vorgestellt werden.
Ist das der große Wurf?
Der Entwurf fand im Ausschuss eine überwiegend positive Aufnahme. Es wurde von fast allen Rednern gelobt, wie rasch die Beteiligten der Arbeitsgruppe eine Einigung gefunden hätten. Auch inhaltlich hielt man sich mit Grundsatzkritik weitgehend zurück. Es gab einige Detailfragen, die beantwortet wurden.
Für eine umfassende Einschätzung des Entwurfes sind die dargestellten Aspekte noch zu unvollständig. Im großen Ganzen aber wurde sicherlich ein guter Aufschlag gemacht, der eine gute Grundlage für ein positives Endergebnis ist.
Welche wichtigen Inhalte stehen noch aus?
Es wurden, wie gesagt, nur rund 12 Folien gezeigt. Der komplette Entwurf dürfte an die hundert Seiten umfassen. Viele Aspekte blieben deshalb naturgemäß unerwähnt.
Zunächst fehlt ganz wesentlich die Potenzialanalyse, um beurteilen zu können, wie viel Wärme realistisch in Krefeld erschließbar ist. Das aber wäre sehr wichtig, um zu wissen, ob begrenzte Wärme einem stärkeren Ausbau der Fernwärme entgegensteht oder nicht. Dabei wäre die Einschätzung des Geothermiepotenzials und des Potenzials von Großwärmepumpen wichtig zu erfahren (und ggf. zu diskutieren). Die Einschätzung des zukünftigen Müllaufkommens ist zu beleuchten. Entsprechend hätte auch die Einschätzung der zukünftigen Sanierungsraten Einfluss auf die verteilbare Wärmemenge und Möglichkeiten der Temperaturabsenkung im System.
Mehr Informationen zur Kapazität der Fernwärmeleitungen wären wichtig: Z.B. wird nicht die zweite (neue) Hauptleitung das Argument verminderter Wärmeverfügbarkeit im Bereich „Innenstadt-West“ entkräften?
Die großen „Dezentralen Versorgungsgebiete“ sind noch völlig unstrukturiert. Im endgültigen Entwurf werden sich hoffentlich detailliertere Aussagen zu Zielvorstellungen finden, vor allem auch zum Konzept der Nahwärmenetze, die bisher nur in der Begriffserklärung aufblitzten.
Hat der NABU noch Ideen?
Ideen gibt es viele: Z.B. Annahme von mehr „grüner Wärme“ (v.a. mehr Geothermie und Großwärmepumpen) für mehr Fernwärme; Anschluss von (noch) mehr Wohnbereichen (die Erweiterungsgebiet umfassen aktuell großenteils Gewerbegebiete); Ausweisung der Innenstadt-West als „Fernwärme-Prüfgebiet“, damit mehr Zeit für eine Lösungsfindung bleibt, die m.E. sehr dringend ist; Fernwärmeerschließung von Hüls-Zentrum auf der Basis von Geothermie plus Biomasse (dazu Abwarten der bevorstehenden Probe-Bohrungen, d.h. im Plan Ausweisung als „Fernwärme-Prüfgebiet“) – um nur einige Gedanken zu nennen.
Es gibt aber etwas Wichtigeres als viele Ideen:
Vordringlich ist, dass der Wärmeplan rasch beschlossen wird!!! Die Reaktion im Ausschuss war positiv, so dass ich hoffe, dass ein unseliges Zerreden wie beim Klimakonzept KrKN2035 im November 2023 vermieden werden kann. Vor allem aber benötigen alle Akteure - Versorger, Stadt, Betriebe und Privatpersonen - baldestmögliche Investitionssicherheit. Dann kann Klimaschutz in Krefeld endlich real werden. Dann gilt der Grundsatz: „Möglichst viel möglichst schnell“, um unser Klimabudget nicht länger zu überlasten (Blog 43). Es können viele Bürger vor der „Kostenfalle“ bewahrt werden (siehe Blog 29).
Wir werden Hebel finden, den Fernwärmeausbau zu beschleunigen (z.B. Verkürzung von Genehmigungsverfahren, Aufstockung der Bautrupps) und vor allem Motivations- und Unterstützungsprogramme für die privaten Sanierungs-Investitionen schaffen. Mehr Bundesförderung ist unerlässlich (zukünftige Regierungen werden Druck von den Kommunen bekommen, die jetzt zunehmend ihre Pläne konkretisieren), aber wir können auch lokal Programme entwerfen. Die Sparkassen könnten helfen uva. - Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
Der Vortrag im Umweltausschuss endete mit dem Bild des Apfelbaumes, welches Herr Liedtke, Vorstand der Stadtwerke eingebracht hat: Wir müssen mit der Ernte der „tief hängenden Früchte“ beginnen – so rasch wie möglich! Und uns parallel nach oben vorarbeiten.