Aktuelles aus der NABU-Gruppe Brüggen

55 Es eilt: AMOC, Moorbrände und Meer......

55 Es eilt: AMOC, Moorbrände und Meer......

Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

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Foto/Grafik: NABU Krefeld/Viersen Amelie Waletzke

Immer wieder werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse angezweifelt. Diese seien zu unsicher und es werde nicht so schlimm kommen. Das Gegenteil ist richtig: Es kommt in der Regel schlimmer, schneller und es kommen noch unerkannte Probleme hinzu. Ich habe mir eigens noch einmal die erste Zusammenfassung des Enqueteberichtes des Bundestages zum „Schutze der Erdatmosphäre“ von 1988 angesehen (der mich damals zum Aktivwerden motivierte): Keine Vorhersage war übertrieben, alle vorhergesagten Folgen treten inzwischen deutlich erkennbar ein. Erschreckenderweise sind aber noch viele hinzugekommen, die damals noch gar nicht bedacht wurden. Einige ganz frische Beispiele von präzisierten oder neuen Erkenntnissen will ich hier, erneut zum Handeln motivierend, zusammenfassen:

 

 

Wenn AMOC abbricht wird es kalt bei uns im Norden

Die Atlantische Umwälzströmung (Atlantic Meridional Overturning Circulation – AMOC) transportiert warmes Wasser aus den Tropen an der Meeresoberfläche nach Norden, wo es abkühlt, dadurch schwerer wird und als kaltes Wasser am Meeresboden nach Süden zurückfließt (optische Darstellung siehe: https://www.youtube.com/watch?v=U9cal-dFjx0 ). Deshalb haben wir hier mildes Wetter. Nun gelangt durch die Eisschmelze (v.a. in Grönland) mehr Süßwasser in den Nordatlantik, welches leichter als Salzwasser ist und das Absinken des abgekühlten Oberflächenwassers bei Grönland bremst. Die Folge: AMOC nimmt seit 150 Jahren ab und ist derzeit so schwach wie seit tausenden von Jahren nicht mehr. Da AMOC auch natürlicherweise in der Stärke schwankt, war die Wissenschaft bisher vorsichtig, Prognosen zum weiteren Verlauf abzugeben. Leistungsfähigere Computer und neue Simulationsmodelle ermöglichen nun konkretere Aussagen. Eine Studie von Anfang 2024 (van Westen et al. https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adk1189 ) stellt fest, AMOC ist auf dem Weg zu versiegen – und dies noch vor dem Ende dieses Jahrhunderts. Der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf, der seit Jahrzehnten zu AMOC bestätigt dies im September 2024 nochmals mit warnenden Worten (https://tos.org/oceanography/assets/docs/37-rahmstorf.pdf ); ebenso ein aufrüttelnder Report zahlreicher Wissenschaftler um den ehemaligen Chef der NASA, James E. Hansen von Anfang 2025, der eine krasse Unterschätzung der Temperaturanstiegsdynamik durch Unterschätzung des bremsenden Einflusses von Aerosolen befürchtet (https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00139157.2025.2434494 ).

Im Norden Europas fallen dann die Temperaturen etwa 3 Grad pro Dekade ab, um insgesamt bis zu 15 Grad (Durchschnittstemperatur!). Die Folge wäre ein schrittweises Vorrücken des derzeit noch rückläufigen Polareises nach Süden bis etwa Südengland und Norddeutschland (ähnlich der Eiszeit). Gleichzeitig wird die Südhalbkugel heißer und das Amazonasbecken wird zur Trockensavanne (auch jetzt schon herrscht erschreckende Dürre, https://www.bloomberg.com/news/features/2023-11-30/amazon-rainforest-suffers-historic-drought-as-rivers-lakes-evaporate ,https://www.bloomberg.com/news/features/2024-10-04/worst-drought-in-brazil-s-history-hits-gdp-global-food-prices - zum Pantanal siehe nächster Absatz). Zwischen nördlichem Eis und Hitze im Mittelmeerraum wird sich eine höchst ungemütliche Zone mit Starkwinden und Niederschlagsextremen erstrecken – da versuchen wir dann mit extrem teuren Anpassungsmaßnahmen zu überleben.

 

Unsichtbare Moorbrände haben ein erschreckendes Ausmaß

Feuchtgebiete in Brasilien, indonesische Moore und die arktische Tundra haben gemeinsam, dass in ihrem Boden riesige Kohlenstoffreserven gespeichert sind. Was gut für das Klima wäre, wenn Moore gesund wären und CO2 weiter einspeicherten, kehrt sich unter den Bedingungen des Klimawandels ins Negative: Besonders offensichtlich sind die Änderungen im Norden. 2024 war die extremste Waldbrandsaison Kanadas und Sibiriens und die extremen Temperaturanstiege im hohen Norden füllten ebenfalls die Schlagzeilen. Die Wärme taut den Permafrostboden (geschätzt ein Drittel davon bis 2050), der seit Jahrtausenden gefroren war und trocknet ihn aus. Allein schon dadurch werden riesige Mengen CO2 (sowie Lachgas und Methan) frei, weil dann Sauerstoff eindringen kann. Vor allem aber kann auch er nun Feuer fangen. Im Gegensatz zu den Waldbränden, die gut sichtbar und oft auch löschbar sind, brennen die Untergrundfeuer langsam, unsichtbar, sind kaum löschbar und emittieren massive Mengen Treibhausgase. Sie emittieren außerdem Feinstäube (black carbon), die sich auf Eisschichten legen und deren Tauen beschleunigen. Auf den verbrannten Flächen kann sich Wald schwer erholen und wird durch Grasland ersetzt, das noch leichter brennt. Ähnliche Prozesse spielen sich ab im Pantanal Brasiliens (ebenfalls Emissionsspitze in 2024, https://www.worldweatherattribution.org/hot-dry-and-windy-conditions-that-drove-devastating-pantanal-wildfires-40-more-intense-due-to-climate-change/#:~:text=So%20far%20this%20year%2C%20wildfires,and%20a%20hotspot%20of%20biodiversity. ) und in Indonesien. Zum Vergleich: Die Emissionen der Feuer allein in Kanada 2023 waren höher als die Emissionen aus Verbrennung fossiler Brennstoffe jeden Landes außer China, den USA und Indien (https://www.nature.com/articles/s41586-024-07878-z ).

 

Die Meerestemperatur steigt überraschend sprunghaft

Es ist eines der größten Rätsel der gegenwärtigen Klimaforschung: Seit März 2023 sind die Weltmeere so warm wie nie zuvor – und das mit großem Abstand. Die Temperatur stieg plötzlich ein halbes Grad (im Nordatlantik sogar ein ganzes Grad)! Es scheint, als würde die Erde seit 2023 unerwartet viel Sonnenenergie aufnehmen. Zudem scheint sich das warme Oberflächenwasser weniger mit tiefen Schichten zu vermengen. Dies erklärt allerdings immer noch nicht ausreichend, warum im Frühjahr 2023 zwischen März und Mai die Temperatur plötzlich massiv anstieg – und seither blieben die Temperaturen so hoch. Auch Oberflächentemperatur des Mittelmeeres stieg auf 28,75 Grad. Die Meere verdunsten seither deutlich mehr Wasser, was sich in der wärmeren Luft besser löst und bekanntermaßen seit Ende 2023 bei uns (und auch in anderen Ländern) als Regen ankommt. Es gibt eine Reihe von Hypothesen, wie der Temperaturanstieg zustande gekommen ist, aber keine reicht bisher als Erklärung aus. Forscher befürchten, dass es auch im Meer Kipp-Punkte geben könnte, die jetzt vielleicht zu irreversiblen Veränderungen geführt haben. Dadurch könnte auch die bisherige Aufnahmefähigkeit des Ozeans für CO2 beeinträchtigt werden (Spektrum der Wissenschaften 7/2024). Durch die erhöhte Meerestemperatur wird auch das Korallensterben sprunghaft ansteigen und Hurrikane werden häufiger und größer - wie aktuell erschreckend erkennbar am Schadensausmaß des Hurrikans "Helene" (über 230 Tote, 250 Milliarden Dollar Schaden) und Tage später "Milton" (16 Tote, 50 Milliarden Schaden). Die Stimmen werden lauter, dass die USA - und es gilt überall auf der Welt - auf die zunehmenden Katastropen durch Klimaveränderungen nicht vorbereitet sind (https://www.bloomberg.com/news/features/2024-10-03/helene-reveals-how-us-is-not-prepared-for-billion-dollar-disasters ). 

 

Klimaflucht überlastet ohnehin gestresste Mega-Cities

Ein Zusammenschluss von Bürgermeistern aus aller Welt hat einen Bericht herausgebracht, der die Auswirkung von Klimaflucht auf 10 Großstädte analysiert (https://c40.my.salesforce.com/sfc/p/#36000001Enhz/a/Vo000000Ecev/s2aMWA.1OlkzPhbL_rQQvcJJi3eaSu_E2OWDPpb6xSo). Beispiel: Als 2022 Pakistan von Regen überflutet wurden, mussten innerhalb von Wochen über eine Million Menschen ihrem Lebensraum verlassen. Viele flohen nach Karachi, wo sie sich Unterkunft und Auskommen erhofften. Wenige kehrten in die zerstörten Gebiete zurück. Entsprechend rechnet der Bericht in den zehn betrachteten Großstädten (Accra, Freetown, Amman, Karachi, Dhaka, Bogota, Salvador, Rio de Janeiro, Sao Paulo, Curitiba) mit 8 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2050 (mit einer Spanne von 200.000 in Curitiba und 3 Millionen in Dhaka) – zusätzlich zu den noch zahlreicheren Flüchtlingen aus anderen Gründen. Dabei ändern sich die Risiken für die Betroffenen kaum. Auch in den Städten erwarten sie Klimarisiken – allerdings urbane. Gleichzeitig verschlimmern sie dort ohnehin bestehende Ressourcenknappheiten. Der Bericht listet Hilfen auf, die die Städte leisten, appelliert aber auch dringend an die Weltgemeinschaft, Emissionen ausreichend zu mindern, Forschung zu unterstützen sowie Daten, Ressourcen und finanzielle Hilfen bereitzustellen.

 

Und dennoch gibt es in Krefeld Stimmen, die verzögern wollen?

Die Beispiele zeigen, dass mit fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis die Dringlichkeit entschlossener Emissionsminderung eher steigt als nachlässt – insbesondere da die derzeit geplanten Politikmaßnahmen, weltweit und lokal, definitiv noch nicht ausreichen, die Klimaziele einzuhalten und die schlimmsten Auswirkungen der Klimaveränderungen abzuwenden. Unabhängig von der fragwürdigen Debatte, ob Klimaneutralität nun 2035 oder 2045 erreicht werden soll, ist das Emissionsbudget für Krefeld begrenzt(für nähere Erläuterungen zu Jahreszielen, 1,5-Grad-Ziel und Emissions-Restbudget siehe Blog 43) und praktisch aufgebraucht. Jeder Tag zählt. Wir müssen „möglichst viel möglichst rasch reduzieren“. Um damit beginnen zu können, brauchen wir einen Rahmenplan. Diesen bietet die Wärmeplanung. Ein geeigneter Entwurf liegt bald vor (siehe Blog 54). Die Zielrichtung stimmt, einige Informationen fehlen noch, Detailverbesserungen können im Verlauf erfolgen. Laut Arbeitsgruppe soll der Plan um die Jahreswende 2024/2025 politisch beschlossen werden können.

 

Die Betroffenen stehen in den Startlöchern

Die SWK müssen wissen, wo Fernwärme geplant werden soll, um in Energiebereitstellung, Leitungen und Regelungen investieren zu können und künftige Kosten zu kalkulieren. Vor allem brauchen sie einen Plan, um Förderanträge zu stellen. Je früher sie dies tun, um so eher bekommen sie einen Zuschlag – ein wichtiger Grund noch zur Zeit der derzeit gültigen Förderrichtlinien (d.h vor der nächsten Bundestagswahl) fertig zu werden.

Die Privatleute müssen wissen, auf welches Heizungssystem sie setzen sollen, wenn ihre Heizung kaputt geht (wichtigste Frage: Bekommen sie Fernwärme?). Je länger wir warten, um so mehr Unglückliche laufen in die Kostenfalle einer neuen Gas- oder Ölheizung (siehe Blog 29). Auch können sie jetzt die Übergangsregelungen des GEG nicht mehr vermeiden (steigender Anteil emissionsfreier Brennstoffe). Gleichartiges gilt für die Krefelder Betriebe.

Damit alle planen können, muss der Wärmeplan rasch beschlossen werden. Alles andere ist unnötige Stagnation. Wir müssen endlich ins Handeln kommen! Der Wärmeplan ist kein Vorhaben wie eine städtische Baumaßnahme, die man machen oder lassen kann, sondern eher eine Art Medizin, die vielleicht manchem ein bisschen bitter schmeckt, die man aber zur Gesundung zügig einnehmen sollte.