Wien verfolgt zielstrebig und optimistisch den Plan 2040 klimaneutral zu werden. Bei rund zwei Millionen Einwohnern keine leichte Aufgabe. Aber die Planungen sind schon weit gediehen, detailgenau und sehr konkret, wie der Artikel „Mondlandung in Wien“ in der Oktoberausgabe 2024 der Zeitschrift „Neue Energie“, dem (immer sehr fundiert recherchierten) Magazin des „Bundesverband Windenergie“ beschreibt. Da der Artikel nicht kostenfrei zugänglich ist, hier eine Zusammenfassung:
Die Wiener sind motiviert für die große Aufgabe
Schon in 15 Jahren will Wien klimaneutral sein. Eine halbe Million Gasheizungen müssen ersetzt werden und halb so viele Gasherde. Die Fernwärmeversorgung basiert ebenfalls noch zum Großteil auf Gas. Deshalb sprechen die Akteure von einer „Mammutaufgabe“ bzw. einer „Mondlandung“. Die Regierung betont immer wieder, dass diese Aufgabe nur mit Hilfe der gesamten Stadtgesellschaft gelingen kann. „Ein gemeinsames Bild davon, wie der Weg zur Klimaneutralität von Gebäuden bis 2040 aussehen soll, ist Voraussetzung dafür, dass alle an einem Strang ziehen und mit Optimismus und einem positiven Blick in die Zukunft ihr Zuhause klimafit umgestalten“. Im Fokus stünden „die Chancen, nicht die Hindernisse: Neue Arbeitsplätze und eine auch bei steigenden Temperaturen attraktive Stadt, in der sich auch Leute ohne viel Geld die Miete leisten können. 2040 profitieren alle von geringeren und stabilen Energiekosten“. Eine gut gemachte Klimapolitik bringe die soziale Gerechtigkeit voran.
Die ersten Schritte im Wohnungsbestand
Nur 20% der Wiener leben in Eigentum. Der Gebäudebestand wurde in neun „Dekarbonisierungsgruppen“ unterteilt. Die mit Abstand größte Gruppe sind Etagenwohnungen, die energetisch unsaniert und mit dezentralen Gasheizungen ausgestattet sind. In allen Geschossbauten soll in den kommenden Jahren ein zentrales Leitungssystem für Wärmerohre eingebaut werden. Damit sollen die Häuser so rasch wie möglich an Fernwärme oder ein Netz im Stadtteil angeschlossen werden. Die neuen Rohre können vielfach durch Kamine, Licht- oder Aufzugschächte geführt werden, zur Not auch außerhalb der Fassaden. Dämmung und ggf. Heizungstausch sollen möglichst parallel erfolgen, damit der Energiebedarf sinkt.
Es wird mit Unterstützung der Stadt in 100 Pilothäusern begonnen, um Erfahrungen zu sammeln und Zweifelnde zu überzeugen. Ein Dutzend Beispielprojekte sind bereits fertig. Die Zentralisierung der Heizungen war meist billiger als der Austausch der Etagenheizungen. Bei einem Objekt wurden 85 m tiefe Erdsonden im Innenhof gebohrt, mit denen eine Kombination aus Luft- und Erdwärmepumpen betrieben werden kann, die im Sommer Kühle und im Winter Wärme liefen. Eine PV-Anlage auf dem Dach liefert zusätzlich billigen Strom.
Da die Umbauten nach österreichischem Recht nicht gegen den Willen der Mieter erfolgen kann, müssen diese motiviert werden. Bei der „Hauskunft“ können sich alle kostenlos beraten lassen. Es gibt in vielen Vierteln Unterstützungsstellen, die bei der konkreten Umsetzung behilflich sind. Für die Umstellung bei Kochen und Heizen wurde eine Dekarbonisierungsprämie eingeführt. Ein Leasingsystem für gebrauchte Gasthermen überbrückt, wenn eine Heizung vor Sanierung kaputt gehen sollte.
Ab 2026 sollen hundert Haushalte an jedem Werktag umgestellt werden. Das Investitionsvolumen liege bei jährlich 1,6 Mrd. Euro. Die Kosten verteilen sich grob zu je einem Drittel auf Stadt, Bund und Eigentümer (sehr hoher Anteil städtischer Wohnungen in Wien!). Allerdings sei zu berücksichtigen, dass auch bei Unterlassen der flächendeckenden Sanierung Kosten für Modernisierung, Reparatur und Haustechnik anfallen würden (ganz zu schweigen von steigenden fossilen Heizkosten und den Klimafolgekosten).
Umbau der Fernwärmeversorgung
Wie Krefeld hat auch Wien ein Fernwärmenetz. 1200 km Leitungen sind vorhanden, 40% der Wohnungen sind angeschlossen. 500 km sollen jetzt zusätzlich gebaut werden, um die Anschlussquote auf 56% zu erhöhen. Zusätzlich sind in vielen Stadtteilen Nahwärmenetze angedacht. Nur locker bebaute Wohngebiete sollen individuelle Lösungen finden.
Die Stadtwerke Wien betreiben bereits einen 3-MW-Elektrolyseur, der Linienbusse betankt. Ein Kraftwerk läuft bereits mit einer Wasserstoffbeimischung. Auch in Wien sind vier Müllverbrennungsanlagen wichtige Wärmequellen. Zusätzlich aber soll Abwärme aus Bürogebäuden, Supermärkten, Gewerbebetrieben, Serverfarmen und Abwasserleitungen ihre jeweilige Umgebung unterstützen. Tiefengeothermie soll erschlossen werden und rechnerisch rund 200.000 Haushalte versorgen. Für die Dekarbonisierung der Fernwärme werden Kosten von 2,2 Mrd. Euro veranschlagt. Die Eigenmittel werden überwiegend aus den Gewinnen des Unternehmens und seiner Beteiligungen finanziert.
Die Transformation schafft Arbeitsplätze
Die energetische Transformation wird auch den Wirtschaftsstandort Wien stärken. Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifoso) rechnet, dass allein die Investitionen der Stadtwerke in den letzten fünf Jahren bereits 10.000 Arbeitsplätze generiert hätten. Andererseits muss auch dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegengetreten werden. Studien zum Bedarf wurden auf den Weg gebracht, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen werden geplant, die Lehrpläne für Berufsschulen überarbeitet. Eine Koordinationsstelle hilft, dass alles ineinandergreift. Das Motto: „Die ganze Stadt als Dream-Team Wien!“
Und wie sieht es in Krefeld aus?
Auch Krefeld ist, wie Wien, auf einem guten Weg. Stadtverwaltung und Stadtwerke sind motiviert und arbeiten an der Wärmeplanung als Grundlage für weitere Maßnahmen. Parallel aber werden schon diverse „no-regret“-Maßnahmen auf den Weg gebracht. Parallel werden von den Stadtwerken im Rahmen einer BEW-Studie (Bundesförderung für effiziente Wärmenetze) bereits Maßnahmen zur „Vergrünung“ der Krefelder Fernwärmeversorgung detailliert.
Wie Wien zeigt, brauchen wir für eine erfolgreiche Transformation sehr konkrete Pläne (Leuchturmprojekte, Strukturen, Verfahren, Regeln und Unterstützungen). Für Wien sind diese in dem Konzept “Raus aus Gas - Wiener Wärme und Kälte 2040” zusammengefasst (https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/energie/pdf/waerme-und-kaelte-2040.pdf )
In Krefeld wirde es am 20.3.2025 wird es im KLIMA-Ausschuss einen weiteren Zwischenbericht zur Krefelder Wärmeplanung geben. Die Details werden immer konkreter und nähern sich der Umsetzungsreife. Es soll unter anderem auch der Beginn der Öffentlichkeitsarbeit besprochen werden, damit auch in Krefeld das Bewusstsein wächst, dass die Umstellung unseres Energiesystems von allen Krefeldern aktiv getragen werden muss. Dass diese uns letztlich aber auch allen nützen wird. „Dream-Team Krefeld?“