Fangen wir mal mit einem recht bekannten Kompensationangebot an: Viele Fluggesellschaften ermöglichen bei Buchung, die Emissionen des gebuchten Fluges zu „kompensieren“. Klingt ganz einfach: Die Fluggesellschaft berechnet aus der gebuchten Flugstrecke (Rückflug nicht vergessen!) die benötigte Kerosinmenge und damit die erwarteten CO2-Emissionen (rund 3,15 kg CO2 pro kg verbranntes Kerosin). Sie bietet an, in einem Waldprojekt so viele Bäume zu pflanzen, dass diese Menge CO2 im aufwachsenden Wald gebunden wird. Damit sei der Flug „CO2-neutral“ und man könne guten Gewissens fliegen. So einfach scheint das zu sein – auf den ersten Blick!
Schon bei geringfügig genauerer Betrachtung wird es kompliziert:
Warum kostet die „Kompensation“ denn bei verschiedenen Gesellschaften so unterschiedlich viel? Ein Grund ist die Berechnung der Emission pro Person: Man kompensiert ja immer für eine einzelne Person. Aber wie berechnet die Fluggesellschaft denn die Emissionen pro Person? Das hängt von der angenommenen durchschnittlichen Besetzung der Flugzeuge, deren Größe, Effizienz, der Flugroute, evtl. Landeumwege etc. ab. Da kann es leicht zu Unterschieden kommen.
Problematisch ist an der Flugkompensation aber auch, dass die CO2-Emissionen nur etwa ein Drittel der klimaschädlichen Emissionen des Flugverkehrs ausmachen. Flugzeuge verursachen auch Stickoxide (NOx), Kondensstreifen und Zirruswolken, sowie Ozon in großen Höhen – alles klimawirksam! Gewissenhafte Fluggesellschaften fassen alle Emissionen in einem „CO2-Äquivalent“ (Radiative Forcing Index) zusammen, welches, je nach Flugdaten, das 1,7 bis 3fache (wieder je nach Einzelfall) der reinen CO2-Emission beträgt. Viele betrachten nur das CO2, was die Sache billiger aber unzureichend macht.
Kompliziert wird es bei innereuropäischen Flügen: Der innereuropäische (nicht der transkontinentale!) Flugverkehr wird, wie viele große Industriebetriebe und Kraftwerke, vom Europäischen Emissionshandel (EU-ETS 1) erfasst. D.h. für einen Flug z.B. von Madrid nach Frankfurt muss die Fluggesellschaft Emissionszertifikate kaufen. Deren Gesamtmenge ist europaweit gedeckelt. D.h. die von der Fluggesellschaft gekauften Zertifikate können nicht mehr z.B. von einem Kohlekraftwerk gekauft werden, welches dann entsprechend weniger emittieren kann. Damit bleiben die Emissionen innerhalb Europas gleich, egal wie oft man innereuropäisch fliegt. Braucht man dann kein schlechtes Gewissen zu haben, wie spitzfindige Leute argumentieren, und erübrigt sich der Ausgleich? Nicht ganz, dann nur die reinen CO2-Emissionen werden ja vom Emissionshandel erfasst, nicht die anderen Emissionen. Also müssen zumindest letztere kompensiert werden. Wie gesagt: Kompliziert!
Schließlich werden die unterschiedlichsten Kompensationsprojekte genutzt. Alle mehr oder weniger zuverlässig – und unterschiedlich im Preis. Eine mittlere Größe sind 10 bis 40 Euro pro kompensierte Tonne CO2. Projekte mit hohem Standard sind meist teurer. Billigere Kompensation sollte sehr misstrauisch machen.
Unterschiedlich zuverlässige Projekte? Was heißt das?
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, CO2 aus der Atmosphäre zu holen. Das Problem ist die richtige Berechnung der Menge und die Nachhaltigkeit, d.h. bleibt das CO2 wirklich gebunden. Um die Breite der Problematik zu erörtern, gehe ich kurz ein paar „Kompensationsverfahren“ durch. Ich beginne mit den „biologischen“ Verfahren. Anhand des Beispiels des Bäume Pflanzens werfe ich beispielhaft zahlreiche Fragen auf, die auch für andere Verfahren gelten. Eine Diskussion im Detail würde mehrere Blogs erfordern.
Das Pflanzen von Bäumen ist eine der häufigsten Kompensationsangebote weltweit. Aber: Wie viele Tonnen CO2 speichert denn „ein Baum“ oder „ein Wald“ (Region, Bodenqualität, Baumart, Pflanzdichte, Unterholz, Vielfalt, ökologische Optimierung durch Lichtungen etc.)? Wie messe ich das? Und welche Zeit muss ich ihm geben (ich fliege ja „morgen“ und der Baum wächst Jahrzehnte)? Wie lange arbeitet er dabei für mich – und nur für mich (Mehrfachverkauf)? Bleibt er überhaupt so lange stehen (Garantien, politische Stabilität), bis der Flug kompensiert ist? Wie lange wird er vital genug bleiben, um CO2 zu binden (der deutsche Wald ist bereits von einer Emissionssenke zu einem Emittenten geworden, der brasilianische ist gerade dabei)? Was passiert mit dem Baum, falls er doch gefällt wird (überdauert das CO2 in einem Möbelstück oder wird er verfeuert)? Was ist, wenn ein Kompensationswald in Flammen aufgeht (Anlage einer Sicherheitsreserve?)? Und wäre der Baum vielleicht auch aus anderen Gründen ohne mein „Kompensationsgeld“ gepflanzt worden (sonstige Förderung, doppelte Abrechnung)? Wer verdient eigentlich an der Pflanzung? Löse ich damit evtl. sekundäre Emissionen oder Schäden aus? Noch komplizierter ist zu durchschauen, wenn der Erhalt eines Waldes, der sonst gefällt würde, als Kompensation angeboten wird. (Weitere Gedanken zu dem Thema hat die Kompensationsfirma „Atmosfair gGmbH“ in ihrem Jahresbericht 2020 zusammengestellt: https://www.atmosfair.de/wp-content/uploads/atmosfair-jahresbericht2020-2.pdf und warum sie Waldprojekte meiden: https://www.atmosfair.de/de/standards/waldschutzprojekte/ ).
Andere biologische (und kombinierte) Verfahren
Die für den Wald geschilderten kritischen Fragen kann man, leicht abgewandelt, auch für alle anderen biologischen Verfahren stellen. Beispiele sind: Vernässung von Mooren: In Mooren wurde über Jahrtausende massenhaft CO2 gebunden. Um Flächen für Landwirtschaft und Wohnungsbau zu gewinnen, wurden, seit die Menschen sesshaft wurden, viele Moore entwässert – in Deutschland vor allem in Norddeutschland (aber auch in Krefeld). Das führt zu massiven und anhaltenden CO2-Emissionen durch die Mineralisierung des organischen Materials (und zu Bodensenkungen). Rund 7% der deutschen Treibhausgasemissionen stammen aus trockengelegten Mooren. Wiedervernässung stoppt nachweislich und unmittelbar die Emissionen. Nur 4% der deutschen Moore sind bisher wiedervernässt.
Ferner gibt es biologische Maßnahmen in Küsten- und Meeresökosystemen („Blue Carbon“): Hier kann man Mangrovenwälder und Seegraswiesen pflanzen, Salzmarschen wiederherstellen, Algen züchten und dauerhaft nutzen oder versenken uva.. Im Ackerbau oder der Forstwirtschaft kann man den Humusaufbaudurch veränderte Bewirtschaftungsverfahren maximieren. Möglich ist auch die Speicherung von Biomasse in langlebigen Produkten (Möbel, Baustoffe etc.).
Die Beurteilung der „Zuverlässigkeit“ biologischer Verfahren ist wegen der Komplexität biologischer System generell schwierig – auch jenseits von reinem Betrug. Schon besser zu messen sind kombinierte Verfahren, z.B. Biomassenutzung mit CO2-Abfangung (Bioenergy with Carbon Capture and Storage – BECCS). Oder Pyrolyse von Biomasse (z. B. Bioabfällen) zu Holzkohle, die in den Boden eingebracht wird. Auch hier aber kann man viele Fragen stellen (siehe dazu auch Blog 42 zu Biogas).
Technische Verfahren: Auffangen von CO2
Hier ist zunächst das Auffangen von CO2 und dessen Speicherung an „sicherer Stelle“ zu nennen. Wenn man den Kohlenstoff z.B. sicher in unterirdischen Schichten fest bindet, stellt man ja sozusagen den Urzustand wieder her, in dem die fossilen Brennstoffe unter der Erde lagerten. Klingt eigentlich gut. Der Teufel steckt wieder im Detail. Im Gegensatz zu den biologischen Verfahren ist die Messbarkeit hier besser. Problematischer sind hier eher die Kosten, die Sicherheit und die möglichen Systemfolgen. Nur kurz angerissen: Sehr übersichtlich ist „Direct Air Capture“ (DAC) and Storage (DACS). Dabei wird CO2 mit großen „Saugern“ direkt aus der Umgebungsluft gesaugt. Problematisch ist, dass die Konzentration von CO2in der Luft sehr gering ist (aktuell ca. 0,04%). Man muss also große Mengen Umgebungsluft aufsaugen, um nennenswert CO2 zu sammeln. Das erfordert große Sauger, die teuer sind. Auch die Verfahren, um das CO2zu binden und in Reinform zu isolieren, sind recht aufwändig, das Filtermaterial oft nicht sehr beständig und es kostet Energie, das CO2 daraus zu entfernen. Das komplette Verfahren ist sehr teuer (500 bis 1.200 Euro pro Tonne). Deshalb plädieren viele eher dafür, das CO2 dort abzufangen, wo es entsteht (Kraftwerke, Zementwerke etc.). In dem Fall heißt es Carbon Capture and Storage (CCS). In der Abluft entsprechender Werke ist die Konzentration ungleich höher und die Isolierung viel einfacher. Für manche Industrieverfahren (Hauptbeispiel ist die Zementindustrie) wird das am Ende der einzige Weg sein, in einer „klimaneutralen“ Welt fortzubestehen. Die Notwendigkeit ist also nicht abzustreiten. Hellhörig aber macht, dass gerade die Öl- und Gasindustrie schon seit Jahrzehnten zu „leidenschaftlichen“ Befürwortern des CCS gehört. Man fängt das bei der Öl- und Gasgewinnung immer anfallende CO2 ab und verbringt es wieder in die unterirdischen Lagerstätten: Lange ein Weg, um mehr Öl- und Gas herauszupressen - jetzt plötzlich Klimaschutz? Die Gaswirtschaft freut sich gerade, dass Wirtschaftsministerin Reiche so „technologieoffen“ ist, den Anteil der zukünftig wasserstoff-pflichtigen Kraftwerke bei der geplanten Kraftwerksausschreibung zu senken, um z.B. auch das Abfangen von CO2 aus der Kraftwerksabluft zu ermöglichen. Sie argumentiert, dass das preiswerter sein könnte. Andererseits führt die Ermöglichung von CCS für Kraftwerke dazu, dass die Erdgasfeuerung länger festgeschrieben und damit das fossile System zementiert wird (Lock-in-Effekt). Also eher bremsend für eine entschlossene Energiewende. Es wird auch nicht einfach sein, die definitiv „nicht vermeidbaren“ Emissionen zu identifizieren, die wirklich CCS brauchen.
Noch schwieriger wird es, wenn man betrachtet, was mit dem CO2 nach dem Abfangen passiert. Da gibt es viele Möglichkeiten: Verbringung in unterirdische Speicher (siehe Mineralölindustrie), feste Bindung an unterirdische Mineralien (die dauerhafteste Lösung), oberirdische Bindung, Rückführung als „Kohlenstoffkreislauf“ durch Umwandlung in Energieträger (Methan, synthetische Kraftstoffe, Methanol etc.) oder chemische Ausgangsstoffen (z.B. Kohlenmonoxid, Ameisensäure, Ethen etc.) oder Produkte (Kunststoffe). In jedem Fall stellt sich wieder die Frage der Dauerhaftigkeit. Und es gilt fast immer: Je sicherer, desto teurer das Verfahren, bzw. je billiger, desto fraglicher der Effekt. Wir müssen eine Kreislaufwirtschaft für den Kohlenstoff entwickeln – ohne Frage. Aber das wird erst ganz am Ende in „geschlossenem Kreislauf“ funktionieren. Bis dahin bleibt massenhaft überschüssiges CO2, welches irgendwo dauerhaft gelagert werden müsste. Dafür sind die Lagerstätten aber begrenzt, bzw. unsicher, es ist zu teuer und der Hochlauf ist viel zu langsam. Punktuell und mit festen Rahmenbedingungen aber sicherlich sinnvoll. (Zu CCS wird es einen gesonderten Blog geben. Hier schon einmal ein recht umfassender „Diskussionsbeitrag“ des Umweltbundesamtes: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/carbon-capture-storage-diskussionsbeitrag ).
Weitere technische Verfahren
Es gibt eine ganze Reihe weiterer technischer Verfahren, die z.T. mit riskanten Eingriffen in die Biosphäre verbunden sind (z.B. Ozean-Alkalisierung). Auch kann man natürlich in Klimatechnologie-Startups investieren (Effekt allerdings schwer messbar). Auf eine zukunftsträchtige Perspektive soll aber noch hingewiesen werden: „Beschleunigte Verwitterung“ (Enhanced Weathering) – das Ausbringen von gemahlenem Basalt- oder Olivingestein auf offene (landwirtschaftliche) Flächen. Entsprechendes Gesteinspulver wird in Deutschland als Bodenverbesserungsmittel schon hergestellt und verkauft (z.B. „Eifelgold Urgesteinsmehl“). Gleichzeitig aber bindet es CO2 aus der Luft dauerhaft durch Mineralisierung und lagert es damit in den Boden ein. „Beschleunigte Verwitterung“ nutzt letztlich das Millionen Jahre alte Regulationsverfahren der Natur, überschüssiges CO2 durch Verwitterung von (v.a. vulkanischem) Gestein wieder zu binden. Perspektivisch könnte durch Anwendung auf einem Großteil der landwirtschaftlichen Flächen auch ein Großteil der menschgemachten CO2-Emissionen gebunden werden. Vor großtechnischer Anwendung aber besteht noch Forschungsbedarf, ob es bestimmte Voraussetzungen an den Boden gibt - auf alkalischen Böden z.B. könnte das CO2 später durch Auswaschung wieder freikommen - und zu sonstigen Auswirkungen bei massenhafter Anwendung (https://naturalcarboncapture.yale.edu/sites/default/files/2025-08/YALE2025_EW_Research_Update.pdf , https://egusphere.copernicus.org/preprints/2025/egusphere-2025-5402/egusphere-2025-5402.pdf ). Es sieht aber aus, als könnte es auch wenig schaden und nach Entwicklung zuverlässiger Mengen- und Qualitätsstandards könnten in der Zukunft Landwirte dadurch ein beträchtliches Zusatzeinkommen als „Klimatechniker“ erwirtschaften.
Zu den „technischen Verfahren“ im weiteren Sinne zählt auch die Förderung von „sauberen Technologien“(Solarenergie, Windkraft, Solaröfen etc.) in benachteiligten Regionen (z.B. Subsahara). Solaröfen z.B. vermindern durch Feuerholzersatz sowohl die direkte Emission von CO2 beim Betrieb und vermindern den Nutzungsdruck auf umliegende Wälder, die dadurch mehr CO2 binden können. Auch bei diesen Verfahren aber gibt es Unsicherheiten, inwieweit die folgenden Kriterien erfüllt sind.
Worauf muss man generell achten, damit Kompensation möglichst „sicher“ ist?
Folgendes sollte erfüllt sein: Zusätzlichkeit (das Projekt darf nicht ohnehin geschehen), Dauerhaftigkeit (die CO2-Bindung muss lange bestehen), Messbarkeit und Überprüfbarkeit (unabhängige Überprüfung möglich), keine Doppelzählungen (verschiedene Zertifikate, Akteure oder Staaten), keine Nebeneffekte (Umwelt, sozial, systemisch), Qualitätsstandards oder Zertifizierung (Gold Standard, Plan Vivo, UN-Standard etc.).
Ein Sicherheitskriterium könnte auch sein, ob die auf den Zertifikaten angegebene CO2-Einsparung bereits stattgefunden hat (ex-post-Zertifikate) oder nur in der Zukunft versprochen wird (Tausch realer Emission gegen unsichere zukünftige Einsparung). Bei den Standards gilt der „Gold Standard“ bislang als einer der strengsten und angesehensten Standards weltweit, vor allem wegen seiner Anforderungen an Nachhaltigkeit, Beteiligung lokaler Bevölkerung, Umweltschutz/Soziales und Transparenz.
Letztlich aber muss man sagen, dass es bei erschreckend vielen Projekten und Standards im Verlauf Zweifel oder auch Unwirksamkeitsnachweise gegeben hat (Studien sprechen von mehr als 84%, z.B. https://www.nature.com/articles/s41467-024-53645-z ). Immer wieder gibt es Berichte über die Aufdeckung von Missbrauch, Fehlrechnungen etc. – selbst bei großen Projekten oder Standards (so bei dem großen Zertifizierungsstandard Verra: z.B. https://www.zeit.de/2023/04/co2-zertifikate-betrug-emissionshandel-klimaschutz ). Oft geschah es unabsichtlich, oft aber auch betrügerisch. Wo Geld fließt, gibt es auch Missbrauch.
Ein paar Beispiele für aktuell verfügbare „Kompensationsangebote“
Auf dem Markt werden zahllose Produkte angeboten – zu unterschiedlichsten Kosten, Reifegrad, Risiken, Potenzial, Praktikabilität und allgemeiner Verfügbarkeit. Es fällt schwer eine sinnvolle Auswahl zu treffen. Die grundsätzlichen Kritikpunkte an Kompensation (siehe auch „Fazit“ unten) gilt leider für alle. Viele Projekte richten sich auch eher an Geschäftskunden. Nur als Beispiele nenne ich in der Folge einige Angebote aus verschiedenen Verfahrensbereichen, wo auch Privatkunden einsteigen können:
Atmosfair (https://www.atmosfair.de/de/ ): Besteht seit 2004. Von vielen Verbänden und Wissenschaftlern unterstützt. National und international einer der am besten bewerteten Anbieter. Arbeitet inhaltlich viel mit Solaröfen. Übertrifft den Gold Standard. Setzt sich durchaus kritisch mit Kompensation auseinander. Viel Information auf der Homepage. Mit „Spenden/kompensieren“ kann man relativ einfach Flüge oder andere Emissionen kompensieren. Der Preis für 1 Tonne CO2 ist mit knapp 30 Euro relativ günstig.
MyClimate (https://www.compensators.org ): Besteht seit 2002, wurde u.a. von Wissenschaftlern der ETH Zürich gegründet. Auch wenig umstritten. Bietet ebenfalls eine einfache Benutzeroberfläche. Es können diverse Dinge gewählt werden, die man „kompensieren“ will (Flüge, Autofahrten, Veranstaltungen, alle persönlichen Emissionen – ein Rechner rechnet alles aus) – ab 27 Euro pro Tonne. Man kann dann aber auch unter diversen Projekten wählen. Der Preis ist dann unterschiedlich und, ja nach Projekt, breit gestreut.
Klima-Kollekte gGmbH (https://klima-kollekte.de ): Diese wurde 2011 gegründet. Gesellschafter sind die kirchlichen Hilfsorganisationen in Deutschland. Die Homepage beinhaltet einen CO2-Rechner, mit dem man seine privaten Emissionen berechnen kann und der einem dann die zur „Kompensation“ notwendige Spende anzeigt. Unterstützt werden unterschiedliche Klimaprojekte im globalen Süden. Nicht so hoch gelobt wie Atmosfair, scheint aber vertrauenswürdig.
Moorschutz: Es gibt mehrere Organisationen, die den Moorschutz unterstützen (z.B. GreenAccount GmbH https://www.greenaccount.com ). Die Angebote richten sich mehr an Firmen. Der NABU-Bundesverband bietet “Moorpatenschaften” an (https://www.nabu.de/spenden-und-mitmachen/patenschaften/moor/index.html , man erhält dann zweimal im Jahr die “Moorpost” zur Information). Bei MyClimate (s.o.) kann auch ein Moorprojekt unterstützt werden. Auch die NABU-Stiftung ermöglicht gezielte Spenden für Moorprojekte (https://naturerbe.nabu.de/spenden-und-helfen/spenden/moorschutz.html ), ebenso die Succow-Stiftung im Rahmen des Projektes ToMOORow (https://tomoorow.org ); unter https://www.succow-stiftung.de/moorschutz-patenschaft kann man Moor-Patenschaften übernehmen. Quantifiziert nach CO2-Einsparung sind alle nicht, nicht einmal bei MyClimate.
Direct Air Capture (DAC): Climeworks (https://climeworks.com ) wurde 2009 von zwei Studenten der ETH Zürich gegründet. Ihr Ziel war, CO2 aus der Luft zu fangen (DAC s.o.) und im Boden in Gesteinsschichten dauerhaft mineralisiert einzulagern. Das wäre eine der besten Optionen, private CO2-Emissionen wirklich aus der Luft zurückzuholen. Sie errichteten eine erste Anlage (Orca) auf Island, da dort regenerative Energie aus Geothermie zur Verfügung stand. In der Folge sollten jeweils um den Faktor 10 größeren Anlagen gebaut werden. Die zweite Anlage (Mammoth) steht inzwischen. Die Kompensationszertifikat wurden sowohl individuellen „Pionieren“ als auch Firmen angeboten. Climeworks ist derzeit bis 2031 ausgebucht. Deshalb – und weil die Entfernungskosten von 1000 Euro für eine Tonne CO2 nur für wenige erschwinglich war, hat Climeworks diversifiziert und bietet kombinierte Kompensationsschemata an mit biologischen und technischen Komponenten (siehe Homepage – man findet schnell richtigen den Bezahlknopf). Hintergrund ist allerdings auch, dass Climeworks leider technische Probleme hatte und real (bis Dez 2025) kaum CO2 entfernt hat (https://heimildin.is/grein/24581/climeworks-capture-fails-to-cover-its-own-emissions/ ). Das ist sehr bedauerlich! Hoffentlich gelingt es noch, die Kurve zu kriegen. Auch Atmosfair (s.o.) entwickelt ein DAC-Projekt (in Kenia https://www.atmosfair.de/de/erste-direct-air-capture-anlage-von-atmosfair-in-betrieb/#_Anfang ). Es bleibt abzuwarten, ob dieses erfolgreicher läuft. Ein weiteres DAC-Unternehmen ist CarbonCapture Inc. (https://www.carboncapture.com ) im Südwesten der USA. Es arbeitet ähnlich wie Climeworks. Verpresst aber in Wasserschichten im Boden (weniger sicher) und hat auch nicht die regenerative Energie Islands. Amazon und andere Großunternehmen sind Kunden. Auch Einzelpersonen können „Credits“ kaufen, wobei der Preis auf der Homepage nicht ersichtlich ist. Man muss die Firma kontaktieren. Das Unternehmen startet auch gerade erst und akquiriert auf Zukunft. Ob es besser zurechtkommen wird als Climeworks, weiß man noch nicht.
Relativ sicher ist die Stilllegung von EU-ETS-Emissionszertifikaten
Wie man gesehen hat, sind die biologischen Verfahren großenteils unsicher und die technischen sehr teuer und kaum sinnvoll verfügbar. Aber es gibt noch eine ganz andere Möglichkeit, private Emissionen zu „kompensieren“. Man kauft EU-ETS-Emissionszertifikate und legt diese still. Dann kann die entsprechende Emission in Europa nicht mehr stattfinden, da die Gesamtzertifikate EU-weit gedeckelt sind und kein anderes Unternehmen die stillgelegten Emissionszertifikate mehr kaufen kann. Der Vorteil ist, dass das Verfahren sehr gut kontrolliert und sehr sicher ist. Es besteht kein Projektrisiko (Waldbrand etc.). Es besteht ein gewisses politisches Risiko (es werden schließlich unter dem zunehmenden Preisdruck mehr Zertifikate ausgegeben oder das System insgesamt gekippt – hoffentlich nicht!!!). Auch gibt es keinen Zusatznutzen für Biodiversität (wie bei ökologischer Aufforstung) oder Soziales (Solaröfen). Leider ist die Tonne CO2 auch etwas teurer als manches Waldprojekt – aber immer noch deutlich preiswerter als technische Verfahren. Privat kann man die Zertifikate von der EU leider nicht erwerben. Die Anbieter nehmen einen kleinen Zusatzpreis für Organisation, Zertifizierung etc.:
ForTomorrow (https://www.fortomorrow.eu ): Angeboten werden EU-ETS-Stilllegung oder Aufforstung oder eine Kombination. Man kann Spendenbetrag oder Tonnen CO2 wählen. Der Preis beträgt bei aktueller (Dez 2025) Neuanmeldung 120 Euro für eine Tonne CO2 im Jahr für Zertifikatstilllegung (für Altkunden ist es etwas preiswerter), 48 Euro für Aufforstung. Ersterer steigt mit steigendem EU-ETS-Zertifikatepreis und wird, bei Abo, ab und zu angepasst.
Compensators (https://www.compensators.org ) funktioniert ganz ähnlich. Es werden allerdings nur EU-ETS-Stilllegungen angeboten, für derzeit (Dez 2025) 97,34 Euro pro Tonne. Im Gegensatz zu ForTomorrow ist noch keine Abo-Funktion möglich.
Aber auch mit der Stilllegung von Zertifikaten gibt es aber noch ein Problem: Will man diese wirklich noch mehr verknappen? Dann steigen die Gaspreise doch noch mehr. Und wenn dann die Bevölkerung auf die Barrikaden geht und die Politik die EU-Regelung abschwächt oder ganz kippt, hat man mehr verloren als gewonnen.
Fazit
Es ist alles nicht so einfach mit dem „Kompensieren“. Wirklich sauber ist nur, die Emissionen so weit wie möglich zu vermeiden. Denn: Erfolgreicher Klimaschutz erfordert letzten Endes die Beendigung der Nutzung fossiler Brennstoffe. Jede Art von „Kompensation“ lenkt nur von dieser zentralen Aufgabe ab. Allein die Vorstellung von einer Möglichkeit der „Kompensation“ senkt den Druck bei Einzelnen, Firmen und sogar Staaten, die Emissionen wirklich zu reduzieren. Nur das aber führt auf direktestem (und mittelfristig preiswertestem) Weg in eine emissionsfreie Zukunft durch rascheste Umstellung des gesamten Energiesystems komplett auf regenerative Energien (mit dem massiven Preisverfall bei Batteriespeichern und Ausbau des Lastmanagements rückt dies näher). Deshalb vermeiden seriöse Anbieter immer häufiger den Begriff „Kompensation“, sondern sprechen eher von „Zusätzlichen Klimaleistungen“ (guter zusammenfassender Kommentar in https://www.nature.com/articles/d41586-025-03313-z - leider kostenpflichtig; ausführlicher in: https://link.springer.com/article/10.1007/s44177-025-00084-0 ).
Auf die komplexen Zusammenhänge der „Carbon Credits“ im Rahmen von internationalen Abkommen oder den „Ablasshandel, den Firmen betreiben, um sich oder Produkte „klimaneutral“ nennen zu können, will ich hier gar nicht eingehen (ein kleiner Aspekt wurde schon in Blog 32 erörtert, mehrere weitere Blogs wären notwendig). Die Rechtsprechung deckt immer mehr dieser Geschäfte als „Greenwashing“ auf (z.B. https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Verbraucher/Klimaneutralität/24-07-12_HP_Kohlenstoffmarkt.pdf ).
Also: Bitte nutzen Sie gerne die obigen Anbieter, um „zusätzliche Klimaleistungen“ zu erbringen. Einen Anhaltspunkt, wo die persönliche Latte liegt, kann der CO2-Rechner des UBA liefern (https://uba.co2-rechner.de/de_DE/ ); die Eingaben ermöglichen auch noch einmal die kritische Überprüfung der Notwendigkeit jeder Emission. Ein „durch und durch reines Gewissen“ kann man nämlich leider nur haben, wenn man geplanten Emissionen ganz unterlässt. Keine fossilen Brennstoffe mehr! Kein einziges Brikett, kein Tropfen Öl, kein Molekül Gas! (Sorry Ölförderländer!). Da müssen wir hin. Das geht!
(Zur Jahreswende folgen dazu ein paar positive Ausblicke.....)